
Reste einer chinesischen Mittelstreckenrakete im jemenitischen Wüstensand schüren Spekulationen

Von Rainer Rupp
Videos, die laut der in Singapur beheimateten Straits Times auch in chinesischen sozialen Netzwerken kursieren, zeigen im Bezirk Raghwan der jemenitischen Provinz Marib einen weißen Raketenzylinder, den Experten als abgetrennten Booster einer ballistischen Mittelstreckenrakete identifiziert haben. Auf der Außenhaut ist deutlich "DF-15A" zu lesen. Raghwan liegt in der Nähe einer Straße rund 170 Kilometer von der von den Huthis kontrollierten jemenitischen Hauptstadt Sanaa entfernt im Wüstensand.
Sollten die Aufnahmen authentisch sein, wäre dies nach Einschätzung von Waffenfachleuten das erste öffentlich erkennbare Indiz dafür, dass ein chinesisches System dieses Typs im wieder aufgeflammten Krieg zwischen Saudi-Arabien und den Huthi zum ersten Mal eingesetzt wurde. Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf jemenitische Vertreter und Experten, die Trümmer deuteten auf einen saudischen Abschuss hin. Ein saudischer Regierungsvertreter widersprach dem nicht ausdrücklich, verwies aber darauf, dass die Huthi nicht über eine solche Waffe verfügten. Eine offizielle Bestätigung aus Riad oder Peking gibt es jedoch nicht.

Bei der Interpretation des Fundes ist jedoch Vorsicht geboten. Eine sichtbare Typenbezeichnung beweist weder Herkunft noch Nutzer noch Abschusszeit. Auch Ziel, Gefechtskopf und Einschlagstelle sind bislang nicht unabhängig dokumentiert. Denkbar wären manipulierte Markierungen, älteres Trümmermaterial, das für Propagandazwecke angekarrt wurde und/oder eine fehlerhafte Zuordnung. Die Videos belegen zunächst nur, dass ein Bauteil mit entsprechender Aufschrift in Marib liegend gefilmt wurde.
Allerdings bleibt die Behauptung eines saudischen Kampfeinsatzes eine gut begründete, aber dennoch nicht abschließend verifizierte Schlussfolgerung. Technisch gehört die DF-15, in westlichen Katalogen CSS-6 genannt, zu Chinas mobilen, einstufigen Feststoffraketen der Dong-Feng-Klasse. Je nach Variante werden Reichweiten von etwa 600 bis 900 Kilometern genannt. Die modernisierte DF-15A soll dank verbesserter Navigation genauer treffen als frühe Ausführungen und kann konventionelle Gefechtsköpfe tragen. Für Angriffe auf feste Ziele – Kommandozentren, Flugplätze, Depots oder Raketenstellungen – wäre sie weit wirkungsvoller als die alten saudischen Langstreckenraketen vom Typ DF‑3A, die ebenfalls aus chinesischer Produktion stammen, aber eine vergleichsweise geringe Präzision aufweisen.
Für den Kampf gegen hochbewegliche Huthi-Einheiten wäre eine ballistische Rakete dieser Klasse jedoch wenig geeignet. Ihr hoher Preis und die begrenzte Zahl verfügbarer Flugkörper sprechen zudem eher für den Einsatz gegen ausgewählte, besonders wichtige gegnerische Ziele. Der Fund eines abgetrennten DF-15A-Boosters sagt zudem nichts darüber aus, ob der Gefechtskopf sein Ziel erreicht hat oder nicht: Bei einer einstufigen Rakete kann das Antriebsteil nach dem Brennschluss vom weiteren Flugweg abweichen und weit entfernt niedergehen. Allein aus dem Fundort lassen sich deshalb weder der Abschusspunkt noch das angegriffene Ziel zuverlässig rekonstruieren.
Chinesische Raketen in Saudi-Arabien sind an sich keine Neuigkeit. Riad beschaffte Ende der achtziger Jahre heimlich die Dong Feng DF-3A aus China. Später berichteten westliche Medien über eine mutmaßliche Lieferung modernerer DF-21 sowie über saudisch-chinesische Zusammenarbeit beim Aufbau eigener Produktionskapazitäten. Der DF-15A-Fund wäre dennoch bedeutsam, denn eine solche Lieferung wurde nie öffentlich bestätigt. Es würde nahelegen, dass Riad neben strategischen Systemen auch präzisere Raketen für den konventionellen Gefechtseinsatz besitzt – und bereit ist, diese gegen die Huthi einzusetzen.
Das wahrscheinlichste Szenario ist daher nicht, dass Peking plötzlich die Huthi bewaffnet hat. Für chinesische DF-15-Raketen in deren Arsenal gibt es keinerlei belastbare Belege. Die Bewegung setzt zwar zahlreiche ballistische Raketen und Marschflugkörper ein, deren Entwicklung oft auf iranische oder ältere sowjetische und nordkoreanische Technik zurückgeführt wird. Der nun gefilmte Booster passt dagegen eher zur bekannten jahrzehntelangen Raketenkooperation zwischen China und Saudi-Arabien. Möglich bleibt theoretisch auch eine Weitergabe der Rakete über einen Drittstaat, etwa Pakistan, das eine Lieferung von DF-15A von China erhalten hat.
Der mutmaßliche Einsatz fällt in eine neue Eskalationsphase. Nach mehreren Jahren relativer Ruhe haben Angriffe der Huthi auf saudische Ziele und saudische Schläge im Jemen wieder zugenommen. AP berichtete inzwischen auch über einen abgefangenen Huthi-Angriff auf Riad. Einer Reuters-Meldung vom 17. September zufolge hat Saudi-Arabien China gebeten, seinen Einfluss auf Iran zur Eindämmung der Huthi zu nutzen. Peking steht damit in einer heiklen Doppelrolle: Es will Riad als Energiepartner schützen, unterhält enge Beziehungen zu Teheran und präsentiert sich seit der Vermittlung der saudisch-iranischen Annäherung von 2023 als stabilisierende Macht.
Sollte tatsächlich eine chinesische, von den Saudis abgefeuerte Rakete auf jemenitischem Boden eingeschlagen sein, wird diese diplomatische Balance für China schwieriger. China könnte zwar erklären, für den Einsatz von Waffen, die vor dem saudischen Konflikt mit den Huthis exportiert wurden, nicht verantwortlich zu sein. Politisch aber würde in der öffentlichen Diskussion folgendes Bild erscheinen: Ein Staat, der im Nahen Osten als Vermittler auftreten will, hatte zugleich einer Partei ein hochpräzises Angriffsmittel geliefert, das in einem der verheerendsten Konflikte der Region verwendet wird.
Militärisch gesehen, könnte der Einsatz einer DF-15A auch als eine saudische Botschaft an die Huthi-Führung in Jemen und darüber hinaus an Iran gesehen werden, denn die DF-15A kann effektiv gegen unterirdische Anlagen eingesetzt werden. Damit würde Riad zeigen, dass es selbst über mehr offensive Optionen verfügt als bisher öffentlich bekannt war. Gerade deshalb ist der Trümmerfund in der jemenitischen Wüste brisant. Er beweist noch keinen geheimen Raketenkrieg. Doch er zwingt Riad und Peking zu einer Frage, die sie bisher erfolgreich im Schatten hielten: Wie tief reicht ihre Zusammenarbeit bei ballistischen Waffen – und welche weiteren Systeme warten noch in saudischen Depots?
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