Wirtschaft

Preise bleiben hoch: Erschöpfung der weltweiten Erdölreserven kommt Russland zugute

Die strategischen Ölreserven in den USA sind auf den niedrigsten Stand seit 1982 gesunken. Sie haben ihre Vorräte massiv abgebaut, um den Preisanstieg einzudämmen, sonst wären die Ölpreise tatsächlich noch weiter angestiegen. Allerdings wurde nun die letzte zulässige Tranche für die Entnahme von Kraftstoff aus den Reserven ausgeschöpft.
Preise bleiben hoch: Erschöpfung der weltweiten Erdölreserven kommt Russland zugute© KI-generiert

Von Olga Samofalowa

In den US-amerikanischen Lagern sind die strategischen Erdölvorräte auf 284 Millionen Barrel gesunken – der niedrigste Stand seit 1982. Im Rahmen globaler Vereinbarungen haben die USA die letzte Tranche Rohöl aus ihren Reserven freigegeben. Im März hatte Washington zugestimmt, 172 Millionen Barrel aus seinen Reserven im Rahmen eines Abkommens mit 30 Ländern, das die Freigabe von 400 Millionen Barrel aus den weltweiten Reserven vorsieht, der Internationalen Energieagentur (IEA) bereitzustellen.

Dabei beklagen die USA, dass die europäischen IEA-Mitgliedsländer nur einen geringen Teil der zugesagten Öl- und Ölproduktmengen bereitgestellt hätten. Das Weiße Haus fordert von der EU, die Notreserven an Dieselkraftstoff abzubauen, um die Preise zu senken.

Die EU hat unterdessen berechnet, dass sie seit Beginn des Krieges zwischen den USA und Iran 100 Milliarden Euro mehr für den Import fossiler Brennstoffe ausgegeben hat, obwohl sich das Einkaufsvolumen nicht verändert hat. Für sie verläuft die Kraftstoffkrise weitaus schwerwiegender als für die USA. Außerdem hat Brüssel zudem weniger Handlungsspielraum.

Zudem schafft sich die EU selbst zusätzliche Probleme. Dabei geht es nicht einmal um das Importverbot für russische Erdölprodukte, das bereits 2023 verhängt wurde. Es geht um das Verbot der EU, Erdölprodukte zu kaufen, die in Drittländern aus russischem Erdöl hergestellt wurden. Damit hat sie sich selbst die Kraftstofflieferungen aus der Türkei und Indien genommen und Rekordpreise sowohl für Benzin als auch für Diesel in Kauf genommen.

Die Entnahme von Öl aus den strategischen Reserven der USA und anderer Länder hat natürlich den Anstieg der Ölpreise gebremst. Igor Juschkow, leitender Analyst des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit und Dozent am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation, sagt:

"Zu Beginn des Nahostkonflikts wurde das Erdöl, darunter auch russisches und iranisches, aufgebraucht, das auf Tankern außerhalb der Straße von Hormus gelagert war. Vor der Küste Indiens befanden sich fast 100 Millionen Barrel unseres Öls. Danach wurde zunehmend Öl aus den strategischen Reserven der Vereinigten Staaten, Europas und anderer Verbraucherländer abgebaut.

Die Reserven sind jedoch nicht unerschöpflich. Den USA bleiben noch 284 Millionen Barrel, doch eine Reihe US-amerikanischer Experten sagt, dass 200 Millionen Barrel gewissermaßen die Mindestmenge darstellen und nicht mehr entnommen werden können, ohne die Funktionsfähigkeit der strategischen Reserven zu beeinträchtigen. Deshalb ist in den Reserven eigentlich gar nicht mehr so viel Öl übrig."

Ohne die Entnahme dieser strategischen Ölreserven gäbe es jedoch eine weitaus schwerwiegendere Kraftstoffkrise, und das Öl wäre deutlich teurer als derzeit, merkt der Experte an.

Was können die US-Amerikaner noch tun, um die Preise einzudämmen, die Donald Trumps Beliebtheit im eigenen Land schmälern? Juschkow meint:

"Erstens werden bei einem weiteren Preisanstieg immer mehr neue Projekte in den Vereinigten Staaten rentabel werden. Die Schieferölförderung in den USA ist sehr dynamisch, im Gegensatz zu klassischen Ölfeldern in einer Reihe anderer Länder, beispielsweise vor der Küste Brasiliens. Die US-amerikanischen Schieferölproduzenten können sehr schnell die Förderung hochfahren. Daher werden die US-Amerikaner bei einem weiteren Preisanstieg selbst mehr fördern können."

Aber das Wichtigste, was die USA tun können, sei natürlich, die Krise mit Iran durch Vereinbarungen über einen Waffenstillstand und die Freigabe der Straße von Hormus zu lösen. Der Energieexperte hebt hervor:

"Eine andere Möglichkeit wäre, dass die USA Angriffe gegen die jemenitischen Huthi fliegen, damit diese die Erdölpipeline Ost-West nicht angreifen und Saudi-Arabien nicht daran hindern, Öl zumindest über das Rote Meer zu exportieren. Das heißt, es gibt tatsächlich ziemlich viele Optionen im Zusammenhang mit dem Nahen Osten."

Schließlich könnte Washington einen Teil der antirussischen Sanktionen aussetzen, damit Russland seine Ölförderung und -exporte steigern kann, fügt Juschkow hinzu.

In Venezuela hingegen ist es für die US-Amerikaner schwierig, bei der Förderung zu manövrieren. Dort müssten 100 Milliarden US-Dollar investiert werden, um die Förderung bis 2030 um lediglich 1,5 Millionen Barrel pro Tag zu steigern. In der aktuellen Krise ist Venezuela ganz sicher keine Hilfe.

Eine weitere Option, die die USA umsetzen wollen, bestehe darin, das Ölangebot auf dem Markt mithilfe der Europäer zu erhöhen. Genau aus diesem Grund weise Washington die Europäer an, Öl aus ihren strategischen Lagern aktiver zu nutzen, obwohl die Reserven in der EU deutlich geringer sind. Juschkow erklärt:

"Danach könnte den Europäern noch mehr US-amerikanisches Öl verkauft werden, um die Reserven wieder aufzufüllen. Außerdem wird Brüssel dadurch noch nachgiebiger und abhängiger. Deshalb ist es für die US-Amerikaner, wie man es auch dreht und wendet, von Vorteil, wenn die strategischen Ölvorräte Europas aufgebraucht werden."

Die Erschöpfung der strategischen Ölvorräte werde nun zu einem wichtigen Faktor für die Aufrechterhaltung hoher Ölpreise werden, selbst nach einem Friedensabkommen und der Öffnung der Straße von Hormus. Der Experte erklärt:

"Die Mengen, die derzeit aus den strategischen Lagern entnommen werden, müssen wieder aufgefüllt werden. Die Nachfrage nach Erdöl wird hoch sein, da Öl nicht nur für den laufenden Verbrauch, sondern auch zur Auffüllung der strategischen Reserven gekauft werden muss. Außerdem wurde die Büchse der Pandora geöffnet, was bedeutet, dass sich ähnliche Krisen wiederholen können. Und diejenigen, die bereits über strategische Reserven verfügen, werden diese nicht nur auffüllen, sondern auch ausbauen. In China belaufen sich diese auf 1,4 Milliarden Barrel Erdöl. Diejenigen, die bisher keine strategischen Reserven hatten, werden versuchen, solche in gewissem Umfang aufzubauen. All dies wird über einen ziemlich langen Zeitraum hinweg eine hohe Nachfrage nach Erdöl aufrechterhalten. Im Jahr 2027 wird die Auffüllung der strategischen Reserven einer der wichtigsten Faktoren sein, der die Preise auf dem Weltmarkt auf einem hohen Niveau halten wird."

Daher sei die Erschöpfung der strategischen Reserven der Verbraucherländer insgesamt langfristig gesehen ein Segen für die Lieferanten, darunter auch Russland.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 1. Oktober 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Olga Samofalowa ist eine russische Wirtschaftsanalystin.

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