
Dauerhaft höhere Preise in Europa? EZB-Expertin warnt vor Inflationsspirale

In Seoul hat Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), Klartext gesprochen. Die EZB könne die inflationsfördernden Effekte des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten nicht länger ignorieren, warnte die Ökonomin auf einer Konferenz der südkoreanischen Zentralbank.

"Wir können diesen Schock nicht länger einfach durchwinken", sagte Schnabel am Montag. Die Zerstörungen an Energieinfrastruktur und Störungen globaler Lieferketten hätten die Preisdynamik bereits dauerhaft verändert. Selbst bei einer sofortigen Beilegung der Kämpfe sei eine Reaktion der Geldpolitik möglicherweise erforderlich.
Die als eine der "Falken" innerhalb der EZB geltende Schnabel betonte, dass sich der Preisdruck längst nicht mehr nur auf den Energiebereich beschränke. Es gebe zunehmend Anzeichen für sogenannte Zweitrundeneffekte, die auf Löhne, Dienstleistungspreise und die gesamte Wirtschaft durchschlagen. Besonders besorgniserregend sei die steigende Gefahr, dass sich die Inflationserwartungen entankern – also von der tatsächlichen Preisentwicklung lösen.
Solche Entwicklungen wären hochproblematisch. Gut verankerte Inflationserwartungen gelten als einer der wichtigsten Anker für Preisstabilität. Nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre könnten Haushalte und Unternehmen nun sensibler auf neue geopolitische Schocks reagieren und höhere Preise dauerhaft einpreisen.
Die Warnung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt für die Eurozone. Der Konflikt hat die ohnehin fragilen Energiepreise weiter in die Höhe getrieben und belastet sowohl Verbraucher als auch die Industrie. Viele Marktteilnehmer rechnen inzwischen fest mit einer Leitzinsanhebung der EZB bereits im Juni.
Schnabel machte deutlich, dass die Zentralbank die Lage sehr genau beobachtet. Die Geldpolitik müsse bereit sein, entschieden gegenzusteuern, sollte sich die Risikolage weiter verschärfen. Gleichzeitig verwies sie darauf, dass eine zu zögerliche Reaktion die Glaubwürdigkeit der EZB bei der Bekämpfung der Inflation gefährden könnte.
Für die europäische Wirtschaft bedeuten die Aussagen, dass die Phase niedriger Zinsen vorerst nicht zurückkehren dürfte. Stattdessen stehen möglicherweise weitere Straffungsschritte an, um eine Verfestigung der Inflation zu verhindern.
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