
Die USA verhalten sich genau entgegen den Geboten von Brzeziński

In der NATO sind sehr merkwürdige Entwicklungen zu beobachten. So stellt US-Präsident Donald Trump erneut die Logik der Bündnisdisziplin infrage und droht den Mitgliedsstaaten mit Bestrafungen für ihre Weigerung, Washingtons Politik in der Iran-Krise zu folgen. Großbritannien und Frankreich lehnten es ab, sich an der US-Blockade der iranischen Häfen zu beteiligen. Die Türkei sprach von der Notwendigkeit, die Beziehungen des Bündnisses zu Trump "neu zu definieren" und sich auf eine reduzierte Beteiligung der USA einzustellen. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hatte wenige Tage zuvor öffentlich erklärt, er wolle keine NATO-Spaltung aufgrund des Krieges der USA gegen Iran.
Gleichzeitig kursieren Meldungen über etwaige Lieferungen chinesischer Luftabwehrsysteme an Iran. In Europa sind unterdessen eine gewisse Paniktendenz in Erwartung einer russischen Frühjahrs- und Sommeroffensive an der ukrainischen Front zu beobachten.

In den 2000er-Jahren war in Russland das Buch "Das große Schachbrett" von Zbigniew Brzeziński, dem ehemaligen nationalen Sicherheitsberater des 39. US-Präsidenten Jimmy Carter und einem der führenden Ideologen der US-Außenpolitik, sehr gefragt. Bei patriotisch eingestellten Kreisen stieß dieses Buch auf eine Mischung aus Abneigung und Interesse – schließlich sprach der US-Professor polnischer Herkunft dort unverblümt aus, was andere Politiker mit pathetischen Reden über Demokratie und Menschenrechte verschleierten. Sogar das Wort "Geopolitik", das fest im Sprachgebrauch des russischen Establishments und der Medien verankert ist, ist in vielerlei Hinsicht der Popularität dieses Buches von Brzeziński zu verdanken.
In liberalen Kreisen hingegen wurde er eher belächelt: Dieses verrückte Relikt des Kalten Krieges, so hieß es, wolle uns darüber lehren, wie man die Welt in Einflusssphären aufteilt, während wir einen globalen Markt mit "digitalen Nomaden", "Offshore-Paradiesen" und – mit Verlaub – "Epsteins Insel" für die weltweite Finanzelite aufbauen. Doch die Ereignisse des letzten Monats zeigen, was dieser ganze globale Markt wert ist, wenn ein einziges – bei Weitem nicht das stärkste – Land Entschlossenheit bei der Verteidigung seiner Souveränität an den Tag legt.
Brzeziński erörterte der US-Führungsschicht eine recht einfache Tatsache: Die USA würden nur so lange die weltweit führende Macht bleiben, wie sie es nicht zuließen, dass eine Macht oder Koalition entsteht, die sie aus Eurasien verdrängen könnte. Er versuchte nicht, sich als Verteidiger der Demokratie und anderer Werte darzustellen, sondern sprach offen über die Notwendigkeit, die Hegemonie der USA zu bewahren, warnte vor einer Wiederherstellung des Potenzials Russlands und plädierte für die Eindämmung Chinas. In diesem Sinne kann man ihn als Vorläufer jener "neuen Aufrichtigkeit" bezeichnen, die das Team von Donald Trump derzeit demonstriert.
Betrachtet man jedoch, wie sich die US-Regierungen – zumindest seit der Amtszeit von Präsident George W. Bush – verhielten, so entsteht unweigerlich der Eindruck, dass fast alle zentralen Warnungen Brzezińskis nicht nur ignoriert, sondern genau umgekehrt in die Tat umgesetzt wurden. Und heute – als die USA mit großer Verwunderung die gestärkte Position Chinas, die Entschlossenheit Russlands, die immer engere Zusammenarbeit zwischen Moskau, Peking und Teheran sowie die Krise ihres eigenen Alliierten-System konstatieren müssen – stellt sich die Frage, ob sie ihren eigenen "Leitfaden" überhaupt gelesen haben.
Versucht man, die wichtigsten Grundsätze Brzezińskis auf einige wenige klare Thesen zu reduzieren, wird das Ausmaß des Versagens der USA offensichtlich. Nach Brzeziński sollten die USA ein kluger Schiedsrichter in Eurasien bleiben und nicht zum Auslöser von Chaos werden. Die USA seien nicht verpflichtet, alles unter ihrer Kontrolle zu halten und ihren Willen überall aufzuzwingen. Im Gegenteil: Die Einflussnahme der USA sollte so gestaltet sein, dass auf dem riesigen eurasischen Kontinent ein für Washington vorteilhaftes Kräftegleichgewicht erhalten bleibt.
Doch in der Praxis verlief es genau umgekehrt. Unter George W. Bush wurde die Strategie durch eine grobe Demonstration militärischer Macht im Irak und in Afghanistan ersetzt. Unter Barack Obama löste Unentschlossenheit – schön verpackt in wohlklingende Worte – die bisherige Strategie der Machtdemonstration ab. Unter Trump geht es nicht mehr nur darum, dass die Position der USA ins Wanken geraten sind, sondern um den Abbau der traditionellen Führungsrolle der USA selbst, da Bündnisverpflichtungen nun als Verhandlungsobjekt und nicht mehr als Mittel zur Sicherung der globalen Position betrachtet werden.
Brzeziński ging davon aus, dass die größte Gefahr für die USA nicht in einem einzelnen starken Gegner liege, sondern in der Möglichkeit der Bildung einer breiten anti-US-amerikanischen Koalition großer eurasischer Mächte. Dabei hielt Brzeziński eine solche Koalition keineswegs für selbstverständlich oder von vornherein beschieden. Ein Bündnis dieser Art könnte nicht aus großer Zuneigung oder zivilisatorischer Einheit entstehen, sondern als rationale Reaktion auf die Kurzsichtigkeit der USA.
Und genau das ist geschehen. Ja, Russland, China und Iran bildeten keinen einheitlichen, monolithischen Block und werden dies höchstwahrscheinlich auch nie tun. Doch das ist auch gar nicht erforderlich. Es reicht völlig aus, dass sich ihre Interessen gerade im anti-US-amerikanischen Bereich immer häufiger überschneiden. Anstatt eine solche Annäherung zu verhindern, schuf Washington selbst Schritt für Schritt die Voraussetzungen dafür. Russland wurde zunächst unterschätzt, dann verärgert, und schließlich versuchte man, es gleichzeitig zu ignorieren und zu bestrafen. China erhielt zunächst jahrzehntelang Zugang zu Märkten, Technologien und Kapital, doch dann stellte man plötzlich fest, dass es sich nicht mehr um einen wichtigen Handelspartner, sondern um einen systemischen Rivalen handelt. Auf Iran wurde ständig Druck ausgeübt, was es nur dazu veranlasste, nach externen Stützen zu suchen.
Brzeziński warnte davor, China in die Rolle des Hauptzentrums eines kontinentalen Antihegemonismus zu drängen. Er wies darauf hin, dass gerade China auf lange Sicht über das nötige Gewicht verfüge, um sich zum Kern einer den USA entgegenstehenden Macht zu entwickeln. Folglich müsse China vorsichtig in ein solches System integriert werden, in dem sein Wachstum nicht automatisch zu einer Untergrabung der Vormachtstellung der USA führen würde.
Doch die US-Regierungen gingen genau den umgekehrten Weg. Über Jahrzehnte hinweg trugen die USA de facto zum Aufstieg Chinas bei und betrachteten diesen als positiven Nebeneffekt der Globalisierung. Es stellte sich jedoch heraus, dass China die Globalisierung nicht als Weg zur Integration in die von den USA dominierte Welt nutzte, sondern als Instrument zum Aufbau eigener Macht. Als dies offensichtlich wurde, begann man in Washington, scharf zu reagieren. Allerdings kam diese Reaktion zu spät – nämlich erst, nachdem Peking sich bereits zu einem eigenständigen Machtpol entwickelt hatte, der sowohl über eine Produktionsbasis als auch über technologische Ambitionen und ein wachsendes militärisches Potenzial verfügte.
Brzeziński warnte vor einer Wiederherstellung der imperialen Vormachtstellung Russlands durch die Reintegration des postsowjetischen Raums. Er war der Ansicht, dass Russland sich entweder zu einem großen, dem Westen gegenüber jedoch insgesamt neutralen Nationalstaat wandeln oder erneut versuchen könnte, die Kontrolle über die verlorene Peripherie zurückzugewinnen. Die Aufgabe der USA bestehe darin, Russland als neutralen Player zu halten und ihm keinen Anlass zu geben, offen gegen den Westen aufzutreten.
Doch welche praktischen Schritte ergriffen die USA? Sie kamen viel zu früh zu dem Schluss, dass die "russische Frage" erledigt sei, dass das Land einen unumkehrbaren Niedergang erlebt habe und man nur noch zusehen könne, wie sich sein Verfall fortsetze. Als jedoch klar wurde, dass Russland einen Wiederaufschwung erlebt, beschlossen sie, keine fairen Vereinbarungen zu treffen, sondern stattdessen mit List und Tücke vorzugehen. Und als all ihre Tricks aufgedeckt waren, kam Russland zu dem Schluss, dass man mit solchen "Partnern" nur die Sprache der Stärke sprechen könne.
Die Ukraine spielte in Brzezińskis Theorie eine zentrale geopolitische Rolle. Dies ist möglicherweise die bekannteste und am häufigsten zitierte These seines gesamten Buches. Seine Argumentation lautete, dass Russland ohne die Ukraine kein vollwertiges eurasisches Imperium mehr sei. Und wenn die USA tatsächlich verhindern wollten, dass das Potenzial Russlands wiederhergestellt wird, hätten sie aus der Ukraine einen vollwertigen Staat machen müssen und nicht eine in Korruption und destruktiven nationalistischen Kulten versunkene Gesellschaft, deren Hauptaufgabe darin besteht, Moskau ständig zu provozieren.
Brzeziński vertrat die Ansicht, dass das Alliiertensystem in Europa als wichtigster Stützpunkt der US-Präsenz in Eurasien gestärkt werden müsse. Nach seiner Logik ist Europa der westliche Rand jenes großen eurasischen Schachbretts, auf dem die USA ihre Präsenz festigen müssten. Der atlantische Block stelle somit für die USA ein zentrales Machtinstrument dar.
Doch auch hier handelte Washington seinen eigenen Interessen zuwider. Einerseits weckten die USA in Europa die Erwartung, dass der US-Schutzschirm ewig Bestand habe und keine ernsthafte eigenverantwortliche Haltung erfordere. Andererseits begannen sie später selbst, das Vertrauen auf diesen Schutzschirm zu untergraben. Unter Trump äußerte sich dies in unverhohlener Geringschätzung der Verbündeten, in ständigen öffentlichen Demütigungen und in Zweifeln am Wert der NATO an sich.
Schließlich erklärte Brzeziński, dass die größte Gefahr für die USA nicht der äußere Feind an sich sei, sondern der Verlust der eigenen strategischen Disziplin. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR erhielten die USA eine äußerst seltene historische Chance. Sie hatten keinen gleichwertigen Gegner, ihr Alliiertensystem umfasste Schlüsselregionen, ihre wirtschaftliche und militärische Überlegenheit schien unbestritten. In einer solchen Situation durfte die US-Elite nicht mit Prahlerei oder Selbstverliebtheit reagieren, sondern musste die Fähigkeit zu einem langen, geduldigen und berechnenden Spiel beweisen. Doch genau das ist nicht geschehen. Die USA gewöhnten sich viel zu schnell an den Gedanken, dass ihre Vorrangstellung fast etwas Selbstverständliches sei und dass die Geschichte von selbst zu ihren Gunsten verlaufe.
Daher sieht das Ergebnis tatsächlich fast schon ironisch aus. Das Buch Brzezińskis sollte den USA als Leitfaden zur Wahrung ihrer Vormachtstellung dienen. In der Praxis scheinen jedoch die Gegner der USA seine Lehren viel aufmerksamer verinnerlicht zu haben. So kam man in Moskau zu der Erkenntnis, dass die Vormachtstellung der USA in Eurasien nicht ewig andauern würde und dass man diese durch den postsowjetischen Raum, durch das Ausnutzen der Schwachstellen der westlichen Koalition und durch eine Annäherung an diejenigen, die Washington ebenfalls als Problem betrachtet, untergraben könne. Peking zog daraus offenbar folgende Schlussfolgerung: Es sei nicht notwendig, die USA voreilig herauszufordern, sondern man solle wirtschaftliche Stärke, technologische Kapazitäten und Einfluss auf die Infrastruktur aufbauen und geduldig abwarten, bis die USA selbst beginnen, die Grundlagen ihrer Führungsrolle zu untergraben.
Darin liegt der Kern des Paradoxons dieser ganzen Geschichte. Brzeziński formulierte für die US-Regierungen Strategien zur Wahrung der Hegemonie der Vereinigten Staaten. Mit Blick auf das erzielte Ergebnis scheint es jedoch, als hätten Moskau und Peking in seinen Schriften herausgelesen, wie sie den USA dabei "helfen" können, diese Hegemonie zu verlieren.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 20. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.
Alexei Wagin ist Politologe und Lehrbeauftragter an der Nationalen Forschungsuniversität "Hochschule für Wirtschaft" (HSE).
Mehr zum Thema - Kolumbianischer Staatschef warnt USA vor lateinamerikanischer "Rebellion"
RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.
Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.



