Meinung

Seitdem ist das Druschba-Virus nicht mehr auszurotten – zehn Jahre Friedensfahrten nach Russland

Seit Jahren gehören Friedensfahrten nach Russland fast zum Alltag. Geboren wurde die Druschba-Bewegung aus einem Zusammenschluss der drei Aktivisten Rainer Rothfuß, Owe Schattauer und Sergei Filbert. Vor genau zehn Jahren steckten sie mit dem ersten Friedenskonvoi nach Moskau das ganze Land mit dem "Freundschaftsvirus" an.
Seitdem ist das Druschba-Virus nicht mehr auszurotten – zehn Jahre Friedensfahrten nach Russland© Owe Schattauer

Von Wladislaw Sankin 

Der Beginn der sogenannten Ukraine-Krise Anfang 2014 markiert auch die Geburt der neuen deutschen Friedensbewegung. Eine einseitige Propaganda-Offensive zugunsten der nationalistischen Kräfte auf dem Kiewer Maidan zusammen mit der Dämonisierung Russlands alarmierte damals viele zuvor unpolitische Menschen im Land. Die Teilnehmer der einsetzenden Mahnwachen und Kundgebungen bildeten die ersten Aktivistennetzwerke, und die ersten alternativen Medien wie Ken FM erlangten Massenreichweite. In kleineren Gruppen und vereinzelt fanden 2014 und 2015 auch die ersten privaten volksdiplomatischen Initiativen mit Russland-Reisen statt, auch auf die Halbinsel Krim, die damals als von Russland angeblich "annektiertes Gebiet" vom offiziellen Berlin zur No-Go-Area erklärt wurde. 

Kleinere, aber wichtige Meilensteine in diese Richtung waren die Einladung des Tübinger Geografie-Professors Rainer Rothfuß an den russischen Botschafter Wladimir Grinin, in der Universitätsaula am 8. Dezember 2014 einen Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung "Clash of Civilizations" zu halten; oder die Reise des Bloggers Owe Schattauer im September 2015 nach Moskau. Wichtig: Über all diese Ereignisse berichtete Golos Germanii (Stimme Deutschlands) auf Russisch auf YouTube. Betreiber des populären Kanals: Sergei Filbert, ein Russlanddeutscher aus Kasachstan und vom Beruf Techniker. Er hat auch Schattauers Videos ins Russische übersetzt und im russischen Netz berühmt gemacht – nach Moskau kam Schattauer als alter Bekannter und genoss ein getaktetes Reiseprogramm mit Besuch in der Staatsduma und Presseauftritten im russischen Fernsehen. 

So hat Russland erfahren, dass es nicht nur Deutsche gibt, die von der Einkreisung Russlands unter dem Vorwand der "friedlichen" und "freiwilligen" NATO-Osterweiterung träumen, sondern auch solche, die sich dagegen sträuben. Golos Germanii leistete Aufklärungsarbeit über die geopolitischen Ziele des Westens und kritische Stimmen in der Bevölkerung und trug damit zum politischen Erwachen in Russland bei. Die Russen mussten erkennen, dass es zwischen ihnen und den Deutschen viel mehr Gemeinsamkeiten gibt, als vorher angenommen. 

Eine große Rolle spielten dabei mediale Vermittler wie Ken FM oder Eingeschenkt TV. Durch Auftritte bei Ken FM lernten Rainer Rothfuß und Owe Schattauer einander kennen. Hinzu kam dann das CDU-Urgestein Willi Wimmer, der für künftige Friedensprojekte politisch als Pate fungierte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis alle genannten Akteure für ein gemeinsames Projekt zueinanderfanden. Und diese Zeit kam. 

Anfang 2016 äußerte Rainer Rothfuß die Idee eines Autokorsos nach Russland als Geste der Völkerverständigung. Damals noch CSU-Mitglied, Dozent und geopolitischer Analyst, hat Rothfuß wie auch Willy Wimmer die Gefahr eines drohenden Krieges zwischen der NATO und Russland erkannt. Seine warnenden Reden von damals klingen den heutigen erstaunlich ähnlich. Der "zornige Bürger" Owe Schattauer – ein wortgewaltiger Künstler mit Temperament und Reiseerfahrung nach Moskau – unterstützte diese Idee. Als mediale Brücke nach Russland stieg Sergei Filbert in das Projekt ein. Dank seiner Videos bekamen später die Reisenden in Russland den besten Empfang – Veteranen, Künstler, Biker und engagierte Bürger sorgten für gemeinsame Unterhaltung, ein Reiseprogramm und Unterkünfte. In einem Video am 22. April 2016 riefen Rotfuß, Filbert und Schattauer von einem Wohnzimmer-Sofa das Projekt der Druschba-Fahrt in einer Videobekanntmachung ins Leben.

In wenigen Monaten stand das Gründer-Trio auf der Bühne und begrüßte die hunderten Teilnehmer des ersten Freundschaftskorsos. Auf ihren T-Shirts prangte schon das berühmte Druschba-Logo – ein Herz in den Farben der deutschen und russischen Fahnen mit einer weißen Taube in der Mitte. Dieses hatte Rothfuß zuvor mit einem befreundeten Grafik-Designer entworfen. Es wurde zum Symbol der Völkerverständigung und des Friedenswillens und wird bis heute auf Friedensdemos getragen. Als Anstecknagel trägt der heutige AfD-Abgeordnete im Bundestag Rothfuß das Logo auf seinem Jackett. 

Die erste Druschba-Fahrt startete am Sonntag, dem 7. August 2016, mit 274 Friedensfahrern in 70 Autos, einem Reisebus und zehn Motorrädern. An jenem sonnigen Nachmittag versammelten sich die Reisenden zu einer Auftaktkundgebung am Brandenburger Tor. Es herrschten Vorfreude auf die Fahrt und Aufbruchstimmung, und das trotz alarmierender politischer Reden über den drohenden Kalten Krieg von einer improvisierten Lkw-Bühne herab. Tino Eisbrenner, DDR-Sänger und Volksdiplomat, trat mit einem Wyssozki-Lied auf. Die Aufbruchstimmung herrschte auch deshalb, weil die Versammelten das Gefühl hatten, im Land als friedenswillige Bürger etwas bewirken zu können, und zwar etwas Einmaliges, vorher nie Dagewesenes. Im Nachhinein nannte Rothfuß diese erste historische Fahrt angesichts des organisatorischen Aufwands und Publikumszuspruchs (ohne jegliche Werbung der Leitmedien!) eine "Mammut-Aktion". 

Der damalige Star der alternativen Medien Ken Jebsen (Kayvan Soufi-Siavash) interviewte am Vortag Schattauer und andere Fahrtteilnehmer, und die Videos gingen via Facebook schnell unters Volk. In den Jahren darauf wird Soufi-Siavash auch selbst zum Russland-Reisenden. Eingeschenkt TV drehte als "eingebettetes Team" die Reisereportage, die die Stimmung und die ersten Eindrücke der Deutschen und Russen von den Begegnungen am besten einfängt. Auch die Mainstream-Medien hatten an diesem Ereignis ein Interesse – sie schleusten Mitarbeiter unter die Reisenden und versuchten, sie als ungebildete Schwurbler und Putin-Agenten zu diffamieren (Bericht bei "Kontraste"). 

Die erste Station des Friedenskorsos war das polnische Stettin. Danach ging es nach Kaliningrad und über Litauen und Lettland nach Pskow. Von Pskow nach Sankt Petersburg und von dort über Nowgorod und Twer nach Moskau. Auf der Rückreise besuchten die Reisenden Smolensk und die weißrussische Hauptstadt Minsk. Im Jahr darauf zog die Friedensfahrt noch mehr Teilnehmer an. In Russland verteilte sich das Korso auf mehrere kleinere Fahrten in verschiedene Richtungen. So ging es auch in den nächsten Jahren weiter, wobei auch der Kaukasus, die Krim, Wolgograd und sogar fernöstliche Gebiete Russlands besucht wurden.

In den COVID-Jahren 2020 und 2021 waren die Fahrten mit Ausnahme einer Fahrt nach Weißrussland, die noch weitere Aktivisten-Gruppen anzog, unmöglich. Seitdem bildet dieses Reiseziel einen Extra-Zweig der Druschba-Bewegung. Auch die Weißrussland-Reise wurde von Eingeschenkt TV begleitet

Eine Druschba-Fahrt gab es auch in diesem Sommer – sie war jedoch bei weitem nicht mehr so zahlreich wie in früheren Jahren. Aber das hat nichts zu bedeuten. Denn die Druschba-Bewegung hat alle Erwartungen ihrer Initiatoren übertroffen. Sie hat das Reisen nach Russland in der Zeit vor TikTok zu einem Internet-Trend gemacht, der bis heute anhält. Seitdem fungiert Russland nicht nur als Reise-, sondern auch als Auswandererziel. Sergei Filbert nannte es scherzhaft das "Druschba-Virus" – extrem hartnäckig und ansteckend.

Auch die politischen Auswirkungen insbesondere der ersten besonders zahlreichen Druschbafahrten 2016 und 2017 sind kaum zu überschätzen. Das Wort "Druschba" hat seitdem Signalwirkung. Als Schriftzug prangte es auf der bislang größten Friedenskundgebung der letzten Jahre (Wagenknecht-Schwarzer-Demo im Februar 2023) auf dem Banner über den Köpfen der Redner. In Torgau, Berlin und vielen anderen Städten finden Friedenskundgebungen mit Druschba-Vorzeichen statt. 

"Frieden mit Russland ist derzeit das Wichtigste in der Welt", sagte der damalige Friedensaktivist Rainer Rothfuß während der ersten Fahrt. Derzeit wirkt er in der populärsten Partei Deutschlands mit und sein Einfluss ist groß. "Die Völker müssen ihre Regierungen korrigieren und wieder auf einen friedlichen Kurs bringen", sagt er heute (im Interview mit RT DE). Er hat sich von niemandem verbiegen lassen, tritt nach wie vor auf Friedenskundgebungen auf und geht zu den Empfängen in die russische Botschaft, ohne Anfeindungen zu befürchten. Auch andere bekannte Beteiligte von damals wie Owe Schattauer und Sergei Filbert, aber auch Dirk Pohlmann und andere wirken wie bislang medial mit. Ohne jegliche professionelle oder finanzielle Unterstützung von den Akteuren des politischen Vorfelds haben sie die Bundesrepublik gesellschaftlich geformt und ihr in den Zeiten der Kriegstüchtigkeit ein menschliches Antlitz verliehen. Eine historische Leistung, die sich künftig noch auszahlen wird. 

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