
Ukrainisches Recycling? Rätselraten um eine Drohne in Rumänien

Von Dagmar Henn
Überall heißt es, eine russische Drohne habe Rumänien angegriffen. Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz meinte, zum vermeintlichen russischen Drohnenangriff auf Rumänien das Wort ergreifen zu müssen und schrieb auf X:
Der Drohneneinschlag in Rumänien zeigt einmal mehr Russlands Bereitschaft zur Eskalation. Deutschland steht an der Seite unserer NATO‑Verbündeten. Der Vorfall zeigt erneut: Wir brauchen eine starke NATO-Präsenz an der Ostflanke. Wir sind bereit, das Bündnisgebiet zu verteidigen.
— Bundeskanzler Friedrich Merz (@bundeskanzler) May 29, 2026
Die Stuttgarter Zeitung liefert, unter Berufung auf das rumänische Verteidigungsministerium, noch genauere Details:
"Nach Angaben des Verteidigungsministeriums handelte es sich ersten Erkenntnissen zufolge um eine Drohne des Typs Geran-2 russischer Herkunft. Die gesamte Sprengladung sei beim Aufprall explodiert."

Das klingt, sofern man sich auf eine Recherche der Details einlässt, zumindest seltsam. "Die gesamte Sprengladung"? Es gibt Bilder des Hauses, das getroffen worden sein soll. Da sind im obersten Stockwerk Brandspuren zu sehen; sämtliche Fenster des Gebäudes, die Brandwohnung eingeschlossen, sind heil. Die Schäden sind auf ebendiese eine Wohnung begrenzt.
Die Zuschreibung Geran-2 stimmt wahrscheinlich, denn es gibt ein Video vom Einschlag, bei dem die typischen Knattergeräusche des Zweitaktmotors zu hören sind. Aber die Geran-2 hat selbst in der Normalversion einen Sprengkopf von 50 Kilogramm Gewicht, in der schweren Version von 90. Schon bei 50 kg würde die Druckwelle der Explosion die meisten Fenster des Gebäudes zerstören und vermutlich auch nicht nur die unmittelbar betroffene Wohnung, sondern einige der umliegenden. Es ist absolut unvorstellbar, dass ein Einschlag einer Geran-2 samt Sprengkopf nur derart geringe Schäden auslöst.
Was eher dem Bild entsprechen würde, wäre eine Täuschdrohne. Es gibt auch eine "Leerversion", die vor allem der Ablenkung von Luftabwehr dient; da ist dann gar kein Sprengstoff enthalten; das Einzige, was explodieren könnte, ist der vor allem in den Flügeln enthaltene Treibstoff. Eine Geran-2 kann bis zu 135 (in der schweren Version nur 71) Liter Benzin enthalten, wovon sie pro Kilometer je nach Gewicht zwischen 0,054 und 0,1 Liter verbraucht.
Eines ist also eindeutig – das war auf keinen Fall ein "russischer Angriff" auf Rumänien. Für einen Angriff würde man eine Drohne mit Sprengkopf benutzen, und das Ziel wäre normalerweise auch kein Wohnhaus. Ist ja nicht so, dass es in Rumänien keine NATO-Ziele gäbe.
"Nach Angaben des rumänischen Verteidigungsministeriums war die Drohne zuvor bei russischen Angriffen auf Ziele in der Ukraine in den rumänischen Luftraum eingedrungen."
Ja, die Stadt Galati liegt gerade mal ein Dutzend Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, da gibt es tatsächlich in der Nähe sogar ein kleines Städtchen namens Reni mit 18.500 Einwohnern. Ob es da militärisch interessante Ziele gibt? Hier verläuft die Grenze in der Mitte der Donau, die Rumänien und die Ukraine voneinander trennt. Vielleicht gibt es ja irgendwas. Aber trotzdem wundert die Schleife über Rumänien, die angeblich, so das rumänische Verteidigungsministerium, von mehreren Drohnen vollzogen worden sein soll. Täuschdrohnen ergeben nur da Sinn, wo man auch erwartet, auf Luftabwehr zu stoßen. Die ist inzwischen vor allem rund um Kiew versammelt, weil allzu viel davon nicht übrig ist. Ansonsten gibt es sie in der Ukraine vermutlich nur bei extrem hochwertigen Zielen. Sitzen da NATO-Vertreter versammelt, ausgerechnet im Nirgendwo im Grenzgebiet zwischen Rumänien, der Ukraine und Moldawien?
Das bekannteste, spannendste Ziel wäre Odessa; das ist aber 200 Kilometer entfernt. Und eine Schleife, die irgendwo über Rumänien geflogen wird, dürfte in Richtung Odessa nichts nützen. Was soll da also eine Täuschdrohne?
Da gibt es allerdings einen Vorfall, der einen nachdenken macht. Das ist dieser seltsame Drohnenfund in Polen im September vergangenen Jahres, bei dem schon die Bilder Zweifel auslösten – eine der aufgefundenen Drohnen lag auf einem Dach, eine andere im Feld, ohne jede Spur eines Aufschlags, gleichzeitig waren einige davon mit Gewebeband repariert. Es sah definitiv eher danach aus, als habe jemand sie zum Fundort getragen und dort sorgsam platziert.
Damals hatte Berlin sogar den russischen Botschafter einbestellt. Nur, dass der Drohnentyp, der da "gefunden" wurde, die Strecke bis Polen keinesfalls hätte schaffen können. Was am Ende genau eine Option übrig ließ: Es handelte sich um Täuschdrohnen, die, nachdem sie nicht bestimmungsgemäß von der ukrainischen Luftabwehr getroffen wurden, irgendwo in der Ukraine niedergegangen waren, als ihnen der Treibstoff ausging – und dann eingesammelt und "wiederverwertet" wurden.
Natürlich fanden derartige Überlegungen in der deutschen Presse nicht statt. Da wurde einfach die polnische Mitteilung aufgegriffen, da seien russische Drohnen; warum und wieso, das interessierte niemanden. Als würde die Tatsache, dass die aufgefundenen Drohnen in Russland produziert wurden, irgendetwas beweisen.
Wenn also nun eine Geran-2 in der Täuschversion, also ohne jeden Sprengkopf, auf einem Haus in Rumänien nicht weit von der ukrainischen Grenze einschlägt, besagt das dann automatisch, dass diese Drohne auch von Russen dorthin gelenkt wurde? Oder hätte sie nicht vielmehr, da eben genau die Täuschversion am ehesten noch unzerstört zur Verfügung steht, auch von Ukrainern gestartet und dorthin gesteuert werden können?
Da muss man sich die Frage stellen, was die Ukraine davon hätte. Oder Brüssel, ob nun in der Geschmacksrichtung NATO oder in der Geschmacksrichtung EU. Oder andersherum, sollte es keine entsprechenden Interessen geben, könnte man diese Variante ausschließen.
Nun, die Drohnen in Polen lieferten die Grundlage bis hin zu Fantasien von einem "Drohnenwall", mit dem Europa sich schützen müsse. Auch für in den Folgemonaten immer wiederkehrende Behauptungen von Drohnensichtungen, für die es natürlich keine Belege gab, als wäre die Handykamera noch nicht erfunden. Und weil der Schritt, zuzugeben, dass das Ganze Show war, nie vollzogen wurde, funktionierte das auch. Peinlich nur, dass zwischendrin dann eine F-16 eine Rakete in ein polnisches Haus schoss; das ließ sich dann doch nicht als "russischer Angriff" verkaufen.
Immerhin wird manchmal noch heute ernsthaft behauptet, die Rakete, die einst einen polnischen Bauern traf, sei aus Russland abgefeuert worden, obwohl schon mit den ersten Bildern der Raketenreste klar war, dass es sich um eine ukrainische Luftabwehrrakete handelte. Korrekturen sind nicht so gebräuchlich, wenn es um Russland geht.
Blicken wir nach Rumänien. Dort stürzte die Regierung von Ministerpräsident Ilie Bolojan am 5. Mai durch ein Misstrauensvotum. Da seither nicht gelungen ist, die gewünschte Pro-Brüssel-Regierung zu schmieden, regiert Bolojan dennoch provisorisch weiter. Dabei ist klar: Die Parteien, die pro EU und pro NATO sind, scheuen Neuwahlen wie der Teufel das Weihwasser. Schließlich wurde die Präsidentschaftswahl in 2025 nur mithilfe von Annullierung und Kandidaturverboten gewonnen.
Rumänien ist aber ein zentrales Land für die NATO-Pläne. Dort ist der größte NATO-Stützpunkt überhaupt geplant; es soll Aufmarschgebiet gegen Russland sein. Eine Regierung mit einer russlandfreundlichen Position würde all das zunichtemachen. Dass sich das politische System in Rumänien seit 2024 in einer schweren Krise befindet, ist unübersehbar. Dass ein guter Teil der Bevölkerung eher Sympathien für Russland hegt als für die Ukraine, ist ebenfalls bekannt. Umstände, in denen es ausgesprochen nützlich wäre, da ein wenig nachzuhelfen und Gründe zu liefern, warum man unbedingt gegen Russland sein müsse.
Eine Frage, in der sich Brüssel (in beiden Geschmacksrichtungen) und Kiew sicher einig sind. Denn würde Rumänien politisch kippen, hätte das Folgen für das Spiel, das sie derzeit mit Moldawien und Transnistrien treiben. Zwischen Transnistrien und einem russlandfreundlichen Rumänien hätte die Brüsseler Barbie Maia Sandu keinen Freiraum mehr. Und die Ukraine müsste vermutlich fürchten, dass dann ganz offiziell die Flucht künftigen Kanonenfutters unterstützt würde. Wenn also schon die Lage in Rumänien kipplig ist – warum ihr nicht einen kleinen Schubs versetzen, damit sie in die richtige Richtung kippt?
Tja, und wenn man jetzt auf die andere Seite blickt, die russische? Als Abschreckung für die NATO nutzt eine Täuschdrohne auf ein rumänisches Wohngebäude gar nichts. Da bräuchte es schon eher eine Iskander auf einen NATO-Stützpunkt. Ein Versehen, das beim Anflug passiert ist? Sicher, auf der Welt gehen immer Dinge schief, aber selbst wenn man von einem Start von der Krim ausgeht, warum diese Schleife? Bestenfalls hat da eine Drohne völlig die Orientierung verloren.
Der russische Präsident Wladimir Putin ist übrigens auf der Pressekonferenz bei seinem Besuch in Kasachstan darauf eingegangen und betonte, ohne entsprechende Untersuchung sei gar nichts klar. Schließlich seien zuletzt auch ukrainische Drohnen über Finnland und Polen geflogen. Sollte man Moskau die entsprechenden objektiven Daten übergeben, werde Russland jedoch selbstverständlich den Vorfall untersuchen.
Gerade die Aussage des rumänischen Verteidigungsministeriums, da sei "die gesamte Sprengladung beim Aufprall explodiert", ist aber ein starkes Indiz für eine absichtliche Täuschung der Öffentlichkeit. Immerhin reden wir hier nicht von einem Literatenzirkel oder dem örtlichen Kaninchenzüchterverein, sondern vom Verteidigungsministerium eines NATO-Landes. Und selbst wenn der aktuelle Verteidigungsminister Radu-Dinel Miruta Telekommunikationsingenieur ist und nicht Militär, müsste sich in seiner Behörde noch jemand finden lassen, der eine Vorstellung davon hat, was ein Sprengkopf von 50 Kilogramm oder mehr anrichtet. Die Aussage, da sei eine Sprengladung explodiert, ist unübersehbar eine blanke Lüge. Warum sollte dieses Ministerium lügen? Weil die Geschichte nicht mehr so gut zieht, wenn man sagt, da seien ein paar Dutzend Liter Benzin durch einen Zweitaktmotor entzündet worden?
Es ist diese Aufschneiderei, die es letztlich, für mich zumindest, deutlich wahrscheinlicher wirken lässt, dass es sich dabei wieder um eine ukrainische Zweitverwertung handelt. Die natürlich, weil niemand in Westeuropa nachbohrt, allen Beteiligten das geben wird, was sie sich wünschen: den Kriegstreibern in Brüssel und EU-ropa eine weitere Schauergeschichte und eine weitere Ablenkung von Starobelsk, der eigentlich abgewählten Regierung in Bukarest eine kleine Unterstützung und der Ukraine einen Grund, noch mehr Geld für noch mehr Waffen zu fordern. Nur die Wahrheit, die wird wie üblich unter die Räder kommen.
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