
Ukraine: Demografischer Einbruch wird sich nach dem Krieg noch verschärfen

Von Nikolai Storoschenko
Während sich die gesamte Aufmerksamkeit auf die öffentliche Seite der ukrainischen Politik richtet (Krieg, Verhandlungen), spielen sich im Hintergrund wichtige Ereignisse ab. Anfang Mai besuchte der Minister für Sozialpolitik, Familie und Einheit der Ukraine Denis Uljutin die USA. Dort traf er sich jedoch nicht mit US-amerikanischen Beamten, sondern mit dem EU-Kommissar für Inneres und Migration Magnus Brunner. Thema des Gesprächs war das Schicksal von 4,3 bis 4,5 Millionen ukrainischen Flüchtlingen, die sich in den EU-Ländern aufhalten.
Derzeit genießt ein Großteil von ihnen den Status des vorübergehenden Schutzes (eingeführt am 4. März 2022 und bereits mehrfach verlängert). Allerdings wird dieser allgemeine Status höchstwahrscheinlich im März 2027 abgeschafft. Wodurch er ersetzt wird, ist noch unklar. Diskutiert wurde der Übergang zu einem nationalen Status (Langzeitvisa/Aufenthaltsgenehmigungen), zum regulären Flüchtlingsstatus oder – wie bereits von einer Reihe von Ländern angekündigt – zur geförderten Rückkehr in die Ukraine. Uljutin selbst erklärte:

"Unsere Position ist klar: Wir wollen, dass die Ukrainer nach Hause zurückkehren."
Doch hier stellt sich die Frage: Werden die Ukrainer selbst dem zustimmen? Und wenn ja, wie viele von ihnen werden wirklich in die Ukraine zurückkehren?
Das ist keine einfache Frage. Schon bei den Begriffen kann man leicht den Überblick verlieren. Wen gilt es als Rückkehrer zu betrachten und wie sind ihre Zahlen zu berechnen? Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gab es Anfang 2026 in der Ukraine etwa 4,2 bis 4,4 Millionen Rückkehrer – also Menschen, die nach mindestens zwei Wochen erzwungener Vertreibung an ihren gewöhnlichen Wohnort zurückgekehrt sind. 1,1 Millionen von ihnen kehrten aus dem Ausland zurück. Es gibt jedoch einige wichtige "Aber". Insbesondere sind von diesen 1,1 Millionen nur 700.000 bis 900.000 dauerhaft in der Ukraine geblieben. Die übrigen sind wieder abgereist.
Betrachtet man hingegen die Nettodynamik, so ist diese negativ. Im Jahr 2024 betrug der Nettoabfluss der Bevölkerung der Ukraine 443.000 Menschen, im Jahr 2025 waren es weitere 300.000. Das heißt, allein diese beiden Jahre haben die gesamte Bilanz der Rückkehrer in den Jahren von 2022 bis 2024 zunichte gemacht. Genau aus diesem Grund bleibt die Zahl der Flüchtlinge aus der Ukraine in die EU praktisch auf dem gleichen Niveau: 4,2 Millionen bis Ende 2022, 4,1 bis 4,3 Millionen im Jahr 2023, 4,2 bis 4,4 Millionen in den Jahren 2024 und 2025 sowie 4,4 Millionen im Februar 2026.
Entweder, weil sie sich nicht mit dieser Situation abfinden wollten, oder in Erwartung des Ablaufs des vorübergehenden Schutzstatus hatten die ukrainischen Behörden bereits im Jahr 2024 vorgehabt, die Ukrainer zur Rückkehr zu bewegen. Der damalige ukrainische Ministerpräsident Denis Schmygal hatte zuversichtlich erklärt:
"Alle nach Deutschland geflohenen Ukrainer werden schnell zurückkehren."
Dieser Optimismus hatte sich unter anderem auf das neu geschaffene Ministerium für nationale Einheit im Dezember 2024 gestützt.
Der neuen Behörde wurde ein ganzes Spektrum an Aufgaben übertragen: die Arbeit mit den Diasporagemeinschaften, die Förderung der Rückkehr von Flüchtlingen (durch die Unterstützung der Ansiedlung neuer Produktionsstätten, die Schaffung von Arbeitsplätzen, den Wohnungsbau und so weiter). Für all dies sollten europäische Gelder herangezogen werden. Kurz gesagt, die Pläne waren gigantisch.
Wie es in solchen Fällen üblich ist, erfolgte der Fall schnell und mit großem Getöse. Bereits im Juni 2025 wurde das Ministerium aufgelöst und mit dem Ministerium für Sozialpolitik zusammengelegt. Hauptgrund war ein Korruptionsskandal, in den der Minister für Nationale Einheit Alexei Tschernyschew verwickelt war. Die Antikorruptionsstaatsanwaltschaft bezifferte den von ihm verursachten Schaden auf eine Milliarde Griwna (ungefähr 19 Millionen Euro).
Die Zuständigkeit für die Rückführung von Flüchtlingen ging nun an das Ministerium von Uljutin über. Doch Aussagen wie "Die Geflüchteten werden schnell zurückkehren" gehören der Vergangenheit an. Das Treffen mit dem EU-Kommissar, das zu Beginn des Artikels erwähnt wurde, war insbesondere der Einholung statistischer Daten über Flüchtlinge aus den EU-Ländern gewidmet. Damit man überhaupt versteht, mit wem man es zu tun hat.
Zudem hatte die Ukraine kurz zuvor in Deutschland den ersten "Unity Hub" eröffnet – eine Art Mischung aus einem Zentrum für Verwaltungsdienstleistungen, einer Botschaft und einem Freiwilligenzentrum. Auch hier mit Verspätung: Das Netzwerk dieser Hubs sollte eigentlich bereits 2025 in Europa aufgebaut werden. Das Ziel ist die umfassende Betreuung von Flüchtlingen, die in die Ukraine zurückkehren wollen.
Und das Wort "wollen" ist hier entscheidend. Das Zentrum für Wirtschaftsstrategie (CES) und die IOM führen regelmäßig Stimmungsumfragen unter ukrainischen Flüchtlingen durch. Im Jahr 2022 hatte der Anteil der Rückkehrwilligen bei 74 bis 80 Prozent gelegen. Bereits 2023 sank dieser Wert auf 63 Prozent. Und seit Dezember 2024, noch vor dem Skandal um den geflohenen Minister für Nationale Einheit, stabilisierte er sich bei 43 Prozent (Umfragen im Januar 2026 ergaben denselben Prozentsatz). Dementsprechend steigt die Zahl derjenigen, die nicht zurückkehren.
Im Jahr 2022 wollte nur jeder zehnte Flüchtling aus der Ukraine in der EU bleiben. Heute sind es bereits 36 Prozent.
Allerdings handelt es sich hierbei um Durchschnittswerte. Betrachtet man die Aufschlüsselung nach Altersgruppen, so zeichnen sich die Umrisse der demografischen Katastrophe der Ukraine deutlicher ab. 70 Prozent der unter 18-Jährigen wollen nicht in die Ukraine zurückkehren, das sind 31 Prozent aller Flüchtlinge. In der nächsten Altersgruppe (18 bis 34 Jahre) ist die Situation ähnlich: 60 bis 70 Prozent beabsichtigen, in Europa zu bleiben. Das sind weitere 37 Prozent der Flüchtlinge. Somit wollen diese zwei Drittel der Ausgewanderten – und damit das wichtigste demografische Potenzial – größtenteils nicht zurückkehren.
In den älteren Altersgruppen beabsichtigt etwa jeder Zweite (35 bis 49 Jahre, 20 Prozent aller Flüchtlinge) und 60 bis 70 Prozent (45 bis 65 Jahre, zwölf Prozent aller Flüchtlinge) zurückzukehren. (...) Nach Europa kommen hauptsächlich junge Ukrainer und gebärfähige Ukrainerinnen, die sich an einem neuen Ort ein Leben aufbauen müssen und daher motiviert sind, zu arbeiten.
In die Ukraine will die ältere und hochbetagte Generation zurückkehren, die höchstwahrscheinlich keine neuen Kinder mehr bekommen wird.
Und je länger Wladimir Selenskij Krieg führt, desto schlechter werden diese Statistiken aussehen. Die Unity Hubs hätte man bereits im Jahr 2022 eröffnen müssen, und auch das nur, wenn es feste Pläne für die Unterzeichnung eines Friedensabkommens spätestens bis Ende 2023 gegeben hätte. Denn selbst diejenigen, die bereit sind zurückzukehren, machen klare Vorbehalte geltend. Die kehren nur nach Beendigung der Kampfhandlungen und bei Vorliegen von Sicherheitsgarantien zurück.
Ähnliche Prognosen äußert auch Ella Libanowa, Direktorin des Instituts für Demografie und Sozialforschung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Ihrer Einschätzung nach wird nicht mehr als ein Drittel der Flüchtlinge in das Land zurückkehren.
Doch auch das ist nicht die letzte schlechte Nachricht für die Ukraine. Nach Beendigung der Kampfhandlungen werden die Flüchtlinge nicht nur nicht aus Europa in die Ukraine zurückkehren, sondern ihre Zahl wird sogar noch steigen.
Nach Kriegsende wird das Land von einer weiteren Migrationswelle erfasst werden – wenn die Männer das Land verlassen, um sich mit ihren Familien in Europa wieder zu vereinen. In einem Bericht des CES wurde prognostiziert, dass aus diesem Grund 300.000 bis 500.000 Männer das Land verlassen werden.
Bemerkenswert ist, dass in all diesen Prognosen und Studien nicht einmal versucht wird, die Frage der Reintegration der Einwohner der neuen Gebiete Russlands anzusprechen. Ebenso wenig wie die derjenigen Menschen, die nach Beginn der militärischen Sonderoperation in die Russische Föderation ausgereist sind – direkt oder auf der Durchreise. Und obwohl diese Gruppen in der Propaganda nicht vergessen werden, gibt es keine systematischen Bemühungen in dieser Richtung. Dafür gibt es viele Gründe, angefangen beim Nichtvorhandensein diplomatischer Beziehungen und des Informationsaustauschs über Flüchtlinge zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine. Auch die finanzielle Seite der Frage sollte nicht außer Acht gelassen werden.
Der Unity Hub in Deutschland wird von der deutschen Regierung finanziert. Insgesamt ist die Eröffnung von sechs bis zehn ähnlichen Hubs geplant, die ebenfalls von den Europäern unterhalten werden. Hinzu kommen Umzugskosten für Ukrainer, die sich zu einer Rückkehr entschließen. Geht man von dem Betrag aus, den Irland den Ukrainern anbietet (bis zu 2.500 Euro pro Person für die freiwillige Rückkehr in die Ukraine), so müssten für die Rückkehr von zwei Millionen Ukrainern (eine solche Zahl erwartet das Ministerium für Sozialpolitik) mindestens fünf Milliarden Euro plus die Finanzierung des Netzwerks der Unity Hubs eingeplant werden.
In der Russischen Föderation wird sich natürlich niemand mit solchen Unsinnigkeiten beschäftigen. Warum sollte man russische Menschen zurückschicken, die vor dem Kiewer Regime geflohen sind? Wenn man ukrainischen Flüchtlingen schon Geld geben will, dann nicht für die Rückkehr in die Ukraine, sondern für den Aufbau eines neuen Lebens in Russland. Wenn das Kiewer Regime keine fremden Haushalte mehr zur Verfügung haben sollte, um sich auf fremde Kosten zu profilieren, welchen Sinn hätte es dann für dieses, Landsleute zurückzuholen?
Dann wäre da natürlich noch der Hauptgrund: Die ehemaligen Bürger der Ukraine selbst haben kaum Interesse an einer solchen "Rückführung". Die Ukraine hat ihren Status als gescheiterter Staat und neonazistische Diktatur bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Warum also sollen die Menschen zurückkehren, um in zehn bis 15 Jahren erneut zu fliehen? Deshalb sollten die Befürchtungen der ukrainischen Soziologen um eine weitere Prognose ergänzt werden: Nach dem Krieg drohen der Ukraine nicht nur eine, sondern zwei Migrationswellen. Die erste wird zu den Familien in die EU gehen, die zweite nach Russland.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 12. Mai 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Nikolai Storoschenko ist ein russischer Journalist.
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