Von Juri Wassiljew
Mit dem "nächstgelegenen Osten" sind das heutige Wolgagebiet, Westsibirien und Zentralasien gemeint – ein Raum ohne wesentliche topografische Grenzen und mit einer ununterbrochenen Tradition der Beziehungen zu Russland. Hinzu kommen Zusammenarbeit und Mitwirkung – mit anschließender Verflechtung und dem Übergang in das russische Leben als solches, unabhängig vom Vorhandensein oder Fehlen staatlicher und administrativer Grenzen.
Zumindest so beurteilt Timofei Bordatschow in seiner Monografie "Pflug und Steigbügel" die tausendjährige Geschichte Russlands und seines nächstgelegenen Ostens. Dieses Buch ist eine weitere grundlegende Untersuchung der politischen Kultur Russlands im vergangenen Jahrtausend.
WSGLJAD: Aus Ihrem vorherigen Buch "Die Strategie der Moskauer Rus" ist uns in Erinnerung geblieben, dass die Nachbarn, die Russland in der Anfangsphase seiner Staatsbildung umgaben, in ihrer damaligen Form nicht mehr existieren. Kann man sagen, dass die Geschichte des uns nächstgelegenen Ostens in vielerlei Hinsicht, wenn schon nicht mit der Geschichte der Beziehungen zu Russland gleichzusetzen, so doch durch sie bestimmt ist?
Timofei Bordatschow(T. B.): Russland ist weder Teil des Westens noch Teil des Ostens. Doch der "nächstgelegene Osten" ist Teil Russlands. Im Westen gibt es für uns eine deutliche zivilisatorische Grenze – trotz einer unglaublichen Vielzahl kultureller Verbindungen im weitesten Sinne. Im Osten dagegen fehlt eine solche zivilisatorische Grenze.
WSGLJAD: Das wird offensichtlich als gegeben hingenommen. Aber ist ein solches Fehlen überhaupt von Vorteil?
T. B.: Ja. Vor allem deshalb, weil die Offenheit Russlands gegenüber dem ihm nächstgelegenen Osten eine gewisse politische Herausforderung darstellt. Wo endet unser zivilisatorischer und kulturpolitischer Raum? Im Raum Orenburg – wo die längste regionale Grenze zu Kasachstan verläuft? Oder am Amudarja bzw. im Pamir?
WSGLJAD: Dort, wo China und sein Zivilisationsraum beginnen.
T. B.: Richtig. Und weiter westlich? Vielleicht am Indischen Ozean, vielleicht am Persischen Golf. Und wieder wird jemand sagen: in Orenburg.
WSGLJAD: Der "nächstgelegene Osten" – was bringt uns dieser Begriff?
T. B.: Er soll uns erklären, wie etwas zugleich Ausland sein und dennoch hier präsent sein kann – in einem Zustand der Untrennbarkeit, als spezifisches Phänomen des russischen Lebens.
WSGLJAD: "Ausland sein" – sprechen wir dabei von der heutigen Situation, nachdem viele Länder des nächstgelegenen Ostens zu eigenständigen Staaten geworden sind?
T. B.: Nicht nur davon. Und nicht nur von ihnen. In Russland gibt es keine Völker und keine Föderationssubjekte, die in zivilisatorischer Hinsicht zugleich Teil der russischen und der westlichen Welt wären. Wir haben jedoch Regionen, die – wiederum in kulturell-zivilisatorischer Hinsicht – sowohl Teil der russischen Welt als auch Teil der großen Welt des Ostens sind. Das deutlichste Beispiel dafür sind die nationalen Republiken des Wolgagebiets. Eine solche doppelte Zugehörigkeit gibt es bei uns weder zur chinesischen noch zur westlichen Zivilisation.
WSGLJAD: Wie lässt sich der Prozess dieser Wechselwirkung genauer definieren? Vielleicht zumindest nach dem Ausschlussprinzip: weder Diffusion noch Aneignung noch ein "Schmelztiegel"...
T. B.: Zu einer vollständigen kulturellen Diffusion ist es in 800 Jahren – so lange reicht die Verflechtung der Staatlichkeit Russlands und des nächstgelegenen Ostens zurück – nicht gekommen. Beide Seiten bewahren weitgehend ihre Eigenständigkeit – sowohl Russland als auch diejenigen, die mit uns unseren gemeinsamen historischen Weg beschreiten. Und ja, Russland ist ganz sicher kein "Schmelztiegel". Alle "Zutaten" bewahren ihren einzigartigen Geschmack – seien sie russisch, tatarisch, komi-permjakisch oder kalmückisch. Eine Symbiose gibt es nicht. Bei all dieser Präsenz und Mitwirkung des nächstgelegenen Ostens im russischen Leben kommt es nur selten zu einer wirklichen Absorption – also dazu, dass etwas in etwas anderem aufgeht.
Hier ein Beispiel dafür: Im Jahr 1552 nimmt Iwan der Schreckliche Kasan ein.
1558 stellen Tataren bis zu einem Viertel – wenn nicht sogar mehr – der russischen Truppen, die in Livland einmarschieren (unser erster großer Krieg mit der westlichen Welt). Und das nur sechs Jahre nach der Einnahme Kasans.
Und angeführt werden sie von Schach-Ali, einem Nachfahren Dschingis Khans und Großneffen Achmats, des letzten Khans der Goldenen Horde, dem wir an der Ugra gegenüberstanden.
WSGLJAD: War es immer so, dass sich die Nachbarn aus dem "nächstgelegenen Osten" so schnell an diesem Prozess der Mitwirkung beteiligten?
T. B.: In den meisten Fällen. Im nächstgelegenen Osten gibt es keine starken kulturell-zivilisatorischen Hindernisse für die Zusammenarbeit mit Russland (als erste Stufe der Präsenz und erst recht der Mitwirkung) – im Gegensatz zum Westen.
WSGLJAD: Gerade noch haben sie sich bekämpft – und nun sind sie zusammengerückt? Und das sogar für Jahrhunderte?
T. B.: Der Osten kennt keine Schemata wie "Wir werden niemals Brüder sein". Oder umgekehrt: "Wir werden immer Brüder sein". Es gibt einen Planeten, auf dem jemand neben jemandem lebt. Und weiterlebt. Im Falle Russlands ist es zudem besser, mit ihm zusammenzuleben. Die Umstände mögen unterschiedlich sein, doch das Streben nach Zusammenarbeit und darüber hinaus – wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind – ist bei den Völkern des nächstgelegenen Ostens durchaus weit verbreitet.
WSGLJAD: Gehört der Kaukasus zu diesem zur Zusammenarbeit bereiten "nächstgelegenen Osten"?
T.B.: Ich kenne mich mit der Kaukasus-Thematik nicht besonders gut aus. Das ist ein so interessantes Thema, dass man sich damit gesondert befassen müsste. Was jedoch konkrete Beispiele angeht, so kann ich Ihnen zumindest dieses nennen: Als wir 1884 die Oase Merw an der Grenze zwischen dem heutigen Turkmenistan und Iran dem Russischen Reich anschlossen – Merw ist eine der ältesten Städte Eurasiens –, waren an der Eingliederung der Stadt, die ausschließlich auf friedlichem Wege und durch Verhandlungen erfolgte, ein awarischer Fürst, ein inguschischer Fähnrich und ein turkmenischer Stammesführer beteiligt, der auf die Seite Russlands übergegangen war. Diese drei ehrenwerten Männer brachten die letzte Oase in dieser Region, die Russland noch nicht kontrollierte, unter die Herrschaft Sankt Petersburgs. Die sowjetische Stadt Mary ist übrigens genau dieses Merw.
Eine unglaubliche Anzahl von Angehörigen der nordkaukasischen Aristokratie, vor allem aus militärischen Kreisen, wurde Teil des russischen Militärs.
WSGLJAD: Sowohl in Ihrem vorherigen als auch in Ihrem neuen Buch wird betont, dass der russische Pragmatismus nie durch Ideologie eingeschränkt wurde. Eine Ausnahme bildet das 20. Jahrhundert. Worin liegt dann die Anziehungskraft der russischen Zivilisation für eine weitere Präsenz und erst recht für die Mitwirkung an ihr? Sowohl für besiegte Völker – in den nachfolgenden Generationen – als auch für diejenigen, die sich bis zu einem gewissen Grad aus eigenem Entschluss unserer Führung angeschlossen haben.
T. B.: Genau darin liegt ihre Anziehungskraft: im Fehlen ideologischer Determinanten. Russland hat niemanden jemals gezwungen, sein gesamtes Leben nach bestimmten Wertvorstellungen umzugestalten. Es hat niemals dazu gezwungen, auf die eigene Kultur zu verzichten. Russland hat nie das getan, was andere große Zivilisationen – die westliche und die chinesische – mit anderen taten: deren Kulturen an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Die russische politische Zivilisation hat das nie getan.
WSGLJAD: "Glück ist das Fehlen von Unglück" – und keine positive Agenda?
T. B.: Mir scheint, dass gerade in der Möglichkeit, pragmatische Beziehungen zu Russland aufrechtzuerhalten – Beziehungen, deren Sinn und Mechanismen beiden Seiten seit fast tausend Jahren vertraut sind –, sehr viel von dieser positiven Agenda steckt. Zugleich enthalten pragmatische Beziehungen eine enorme menschliche Komponente. Um menschlich zu sein – also friedlich und zur allgemeinen Zufriedenheit dieselben Straßen, Felder und Wälder unter derselben Sonne auf derselben Erde miteinander zu teilen –, muss man Pragmatiker und keine Ideologen sein. Solche Beziehungen zu den Völkern des "nächstgelegenen Ostens" entwickelten sich immer gerade deshalb erfolgreich, weil eine solche Sicht auf die Welt für sie ebenso selbstverständlich ist.
WSGLJAD: Immer?
T. B.: Natürlich gab es auch schwierige Zeiten. Am schwierigsten war das 18. Jahrhundert. Nach der Gründung des Russischen Kaiserreichs begann man in Russland nach ideologischen Leitbildern zu suchen – etwas, das grundsätzlich schädlich ist...
WSGLJAD: Für den Staatsaufbau?
T. B.: Für alles! Damals kam es zu Versuchen einer gewaltsamen Christianisierung des "nächstgelegenen Ostens" Russlands. Es war eine schwierige Phase unserer Beziehungen, die allerdings recht schnell endete: Sie begann unter Peter I., setzte sich unter Elisabeth und noch eine Zeit lang unter Katharina II. fort – bis zum Erlass "Über die Toleranz gegenüber allen Glaubensbekenntnissen" von 1773, "damit Liebe, Ruhe und Eintracht herrschen". Solche Schwierigkeiten gab es danach nicht mehr.
Die Beziehungen der Alten Rus zu den von ihr abhängigen Völkern waren dadurch gekennzeichnet, dass von russischer Seite kein Bestreben bestand, deren Lebensweise in irgendeiner Weise umzugestalten.
Wir sehen, dass russische Herrscher und russische Länder bereits im 10. und 11. Jahrhundert und auch später Nomaden in ihre Dienste aufnahmen – als Teil ihrer militärisch-politischen und allgemein politischen Organisation. So entstand das Phänomen der "Schwarzen Klobuken", die später als "unsere eigenen Heiden" bezeichnet wurden. Sie lebten innerhalb der Kiewer Rus, unabhängig davon, ob sie das Christentum annahmen oder nicht. Und das zweihundert Jahre vor der Entstehung der Goldenen Horde.
WSGLJAD: Kaum jemand kann der Verlockung des antiken Roms widerstehen: Wir bauen Straßen einheitlicher Breite und schmieden Schwerter einheitlicher Länge – und die unterworfenen Gemeinschaften unterliegen erst recht der Uniformierung…
T. B.: Nun, wir haben weder solche Straßen gebaut noch solche Schwerter gefertigt. Die Barbaren galten für Rom als Foederaten – halb Verbündete, halb Söldner – und waren bis in die bekannten letzten Zeiten des Imperiums kein Teil seines inneren Lebens. Bei uns dagegen schreibt der Chronist über den Tod des Fürsten Isjaslaw: "Das russische Land und die Schwarzen Klobuken weinten um ihn" – Menschen, die auf russischem Boden lebten, dem russischen Land dienten und sich an innenpolitischen Auseinandersetzungen sowie an den Fehden der russischen Fürsten beteiligten. Und sie weinten, ebenso wie das russische Land und das russische Volk, um einen russischen Fürsten, den alle liebten. Das war im 12. Jahrhundert – und dies begleitet uns bis zum heutigen Tag.
Und hier übrigens noch ein Beispiel aus einer Chronik. Die Chronisten formulierten überhaupt hervorragend – vielleicht, weil sie viel Zeit hatten, vielleicht aber auch, weil sie tatsächlich daran dachten, dass man sie auch noch in 800 Jahren lesen würde ... In der Hypatiuschronik heißt es zum Jahr 1155: Die Schlacht gegen die Polowzer ist beendet, und Juri Dolgoruki nimmt Verhandlungen mit dem Gegner auf. Dabei befiehlt er, die polowzischen Gefangenen freizulassen.
WSGLJAD: Wieder eine "Geste des guten Willens"...
T. B.: "Wieder" ist heute – damals waren es jedoch die allerersten. Und übrigens durchaus wirksame und pragmatische. Zu Dolgoruki kommen die Anführer der "Schwarzen Klobuken" – Nomaden, die als Teil der russischen Armee gekämpft hatten – und sagen:
"Wir sterben für das russische Land an der Seite deines Sohnes und opfern unser Leben für deine Ehre. Die Gefangenen aber sind unsere Beute."
Wir wissen nicht, was die Anführer der Nomaden Juri Dolgoruki tatsächlich sagten – und ob dieses Gespräch überhaupt stattgefunden hat. Wir sehen jedoch, dass sie aus Sicht des Chronisten, eines hochgebildeten Menschen des 12. Jahrhunderts, genau so gedacht haben mussten. Er betrachtete ihr Verhalten nicht als das von Fremden, sondern als das von Eigenen – vor allem, weil sie das bestehende Koordinatensystem akzeptierten. "Im Wichtigsten sind wir dir vollkommen gleich: in der Bereitschaft zu sterben. Du bist unser Herrscher" – hier argumentieren sie wie ganz gewöhnliche russische Gefolgsleute. "Die Gefangenen aber sind unsere Beute" bedeutet: "... aber unsere Kultur ist nun einmal eine andere! Wir bewahren unsere kulturelle Eigenständigkeit – vergiss das nicht, Fürst."
WSGLJAD: Und wie wurde das Problem gelöst? Jeder hat seine eigene Kultur, aber der Befehl des Fürsten, sie freizulassen – steht fest. Den kann man schließlich nicht einfach zurücknehmen.
T. B.: Es wird angenommen, dass Juri Dolgoruki den "Schwarzen Klobuken" dafür Geld zahlte. Er erstattete ihnen den Wert der Gefangenen, um sowohl die Loyalität der Nomaden als auch den Erfolg der Verhandlungen mit den Polowzern zu sichern. Beide Bücher – sowohl das vorherige als auch das aktuelle – befassen sich in gewisser Weise damit, was sich in der russischen politischen Kultur verändert und was unverändert bleibt. Letzteres macht den weitaus größeren Teil aus.
WSGLJAD: Was bringt uns im Alltag das Verständnis der Ursprünge der politischen Kultur Russlands?
T. B.: Es gibt uns Macht. Sich selbst zu verstehen ist wichtiger als alles andere zu verstehen. Zu wissen, wie man selbst in bestimmten Situationen handelt und warum, spart viel Zeit bei der Entscheidungsfindung. Grundlegende abstrakte Dinge – wie die politische Kultur, um die es im Buch "Pflug und Steigbügel" geht – lösen praktische Probleme nicht unmittelbar. Die Antwort auf die Frage "Warum?" – und nicht nur "Was?" – verleiht zwar keine Kraft, aber Macht. Sie eröffnet umfassendere Möglichkeiten, das eigene gegenwärtige Leben zu gestalten. Das Buch dient dazu, uns selbst besser kennenzulernen und mehr über uns selbst zu erfahren – in unserem unmittelbaren äußeren Umfeld, durch die Wechselwirkung mit unserem wichtigsten zivilisatorischen Partner, der zugleich Teil des russischen Lebens und der russischen Geschichte ist.
WSGLJAD: Wenn wir von den Völkern des "nächstgelegenen Ostens" innerhalb Russlands sprechen – können wir dann überhaupt mit uns selbst interagieren? Indem wir uns selbst zugleich als unsere eigenen Partner betrachten ...
T. B.: Die richtige Antwort wäre natürlich: "Nein, das können wir nicht." Doch in der Praxis beginnt hier das Interessanteste. Ganz gleich, wie viele Menschen mit deutschen Nachnamen im russischen Staatsdienst tätig waren – die germanische Welt bleibt für uns dennoch eine fremde Welt. Sowohl die katholische als auch die protestantische. Die tatarische Welt dagegen gehört für uns zur inneren Welt. Da die Grenzen zwischen der tatarischen Welt, der baschkirischen Welt, der Welt des turksprachigen Zentralasiens und so weiter schwer fassbar sind, betrachten wir auch Länder, die heute zum Ausland gehören, als Teil unserer inneren Welt.
Bei der kaukasischen Welt zeigen sich ähnliche Zusammenhänge, allerdings habe ich sie weit weniger untersucht. Doch einiges spricht dafür, dass die allgemeinen Prinzipien ihrer Präsenz und Mitwirkung in der politischen Kultur Russlands ungefähr dieselben sind. Im wichtigsten Bereich – der Beteiligung an den militärischen Angelegenheiten des russischen Staates – ist der Kaukasus trotz seiner außerordentlichen kulturellen Eigenständigkeit Teil unseres kulturell-politischen Systems. Und zwar seit der Mitte des 19. Jahrhunderts – bis hin zu den aktuellen militärischen Auseinandersetzungen im Südwesten des Landes. Und seit seiner Eingliederung ist deutlich weniger Zeit vergangen als seit der Eingliederung der Völker, über die wir zuvor gesprochen haben: nur etwas mehr als anderthalb Jahrhunderte. Die tatarischen und finno-ugrischen Völker dagegen leben seit mehr als einem halben Jahrtausend mit uns.
WSGLJAD: Zur Frage, ob das Ausland als Teil der inneren Welt betrachtet werden kann: Sie führen ein Beispiel von Wassili Grigorjew an, einem Historiker und Orientalisten des 19. Jahrhunderts, der darauf hinwies, dass über einen Zeitraum von hundert Jahren hinweg die Korrespondenz mit dem Kasachischen Chanat in tatarischer Sprache erfolgte. War das eine Kuriosität oder Ausdruck eines systemischen Phänomens?
T. B.: Letzteres, natürlich. Wir waren vollkommen davon überzeugt, dass es sich um ein und dasselbe handelte. Wir kamen zu ihnen mit derselben Überzeugung, dass sie ebenso "unsere eigenen Heiden" seien wie jene, gegen die Russland zunächst Krieg geführt hatte, um sich anschließend mit ihnen zu vereinen und gemeinsam den historischen Weg zu beschreiten. 250 Jahre lang grenzten wir an Kasachstan und Mittelasien, ohne dort einzumarschieren. Vom 16. bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war dies weder zur Verwirklichung außenpolitischer Ziele noch für das Überleben des russischen Staates notwendig. Als wir schließlich dorthin kamen, waren wir überzeugt, dass dieses Gebiet bald zu einem ganz normalen Teil Russlands werden würde. Jenes Russlands, dessen Aristokratie Kljutschewski zufolge zu 17 Prozent tatarischer und nogaischer Herkunft war.
Zugegebenermaßen gab es ein Problem.
Im Falle Mittelasiens betraten wir einen Raum, dessen politische Kultur eine um ein Vielfaches längere Geschichte hatte als die russische.
Dort entstand Staatlichkeit bereits in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. – noch vor Alexander dem Großen. Zum Inbegriff dieser Probleme wurde der Aufstand von 1916, als sich die Völker Mittelasiens massenhaft weigerten, an den militärischen Aktivitäten des Russischen Kaiserreichs teilzunehmen. Allerdings geschah dies bereits in der Endphase des Kaiserreichs, zu einer Zeit, in der sich die Existenzformen Russlands wandelten.
WSGLJAD: Welche Forschungsarbeiten über unsere Beziehungen zum "nächstgelegenen Osten" würden Sie denjenigen empfehlen, die sich nach der Lektüre von "Pflug und Steigbügel" näher mit dem Thema beschäftigen möchten?
T. B.: Eine Liste von Publikationen zusammenzustellen, ist natürlich möglich – allerdings nicht ohne Mühe. Über die Beziehungen Russlands zum Westen gibt es unglaublich viele Bücher. Über die Beziehungen zu China – weniger, aber immer noch viele. Literatur über die Beziehungen zum "nächstgelegenen Osten", der Teil des russischen Lebens ist, gibt es sie zwar, aber nur wenige. Dies lässt sich als eine "Aberration der Nähe" bezeichnen, wie Lew Nikolajewitsch Gumiljow es einst ausdrückte.
WSGLJAD: Oder, wie Puschkin einst sagte: "Wir sind faul und nicht neugierig"...
T. B.: Warum sollte man neugierig auf etwas sein, das ganz selbstverständlich ist? Das ist nun einmal ein Bestandteil unseres Lebens, unserer politischen Kultur – warum sollten wir uns selbst bis ins kleinste Detail analysieren? Unser Interesse an uns selbst ist sehr groß, manifestiert sich jedoch auf anderen Ebenen. Wir interessieren uns weitaus mehr dafür, "warum Russland sich so verhält", als "was Russland ausmacht, wie man in diesem oder jenem Teil Russlands auf ein Pferd steigt, welche Essgewohnheiten dort vorherrschen" und so weiter. Die richtige Antwort lautet: Jeder steigt so aufs Pferd, wie es für ihn am bequemsten ist – und bleibt dabei Teil der russischen Kultur, während zugleich die Wechselwirkung im äußeren Umfeld des "nächstgelegenen Ostens" gewährleistet wird. Von der Wolga bis zum Amudarja und ringsum.
Für anständige Menschen liegt die größte Attraktivität des Lebens neben einer großen Zivilisation oder als Teil von ihr in der Freiheit – darin, dass niemand sie zwingt, ihre Lebensweise grundlegend zu verändern. Und unanständige Menschen brauchen wir nicht.
WSGLJAD: Wen genau meinen Sie mit "wir"?
T. B.: Ganz einfach: Russland. Russland, das immer existiert. Das immer als eine von anderen unabhängige soziale Organisation existiert. Der Staat ist lediglich eine konkrete Organisationsform, die sich ständig verändert – auch bei uns. Die Fähigkeit eines Volkes einschließlich seiner Elite, die wichtigsten Entscheidungen selbstständig zu treffen, bleibt dagegen unverändert. Russlands historische Erfahrung wächst stetig. Es kommt weder zu einer Unterbrechung dieser Erfahrung noch zu einer in ihrem Ausmaß dramatischen Übernahme fremder Erfahrungen. Es geschieht also nicht das, was beispielsweise mit der großen indischen Zivilisation geschah, in der fremde Erfahrungen in sehr großem Umfang übernommen wurden. Und dabei stellt sich die Frage, wer letztendlich wen beeinflusst hat ...
Methodologisch betrachtet geht es bei der Frage rund um Russland und seinen "nächstgelegenen Osten" um Russland selbst. Darum, wie Russland sich selbst geschaffen hat – und dies weiterhin tut. Und darum, wie Russland, indem es sich selbst formt, zwangsläufig auch die Formen und Möglichkeiten der Beziehungen zu anderen beeinflusst – darunter zu den Völkern seines "nächstgelegenen Ostens".
WSGLJAD: Liegt hier der Ursprung des mittlerweile geradezu sprichwörtlichen Satzes "Die Grenzen Russlands enden nirgendwo"?
T.B.: In dieser Hinsicht – ganz sicher. Die Geschichte hat Russland gelehrt, grenzenlos zu sein.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 31. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
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