Palantir, Dataroom und der Ukraine-Krieg: Viel Datenmacht, aber kein Wendepunkt auf dem Schlachtfeld

Palantir und Brave1 Dataroom gelten als Symbole einer neuen, KI-gestützten Kriegsführung, exemplarisch demonstrieret in der Ukraine. Doch eine nüchterne Betrachtung zeigt: Die Technologie kann Abläufe beschleunigen und Systeme verbessern, eine kriegsentscheidende Wunderwaffe ist sie nicht.

Von Rainer Rupp

Kaum ein Thema der modernen Kriegsführung wird derzeit so stark mit dem Versprechen technologischer Überlegenheit verbunden wie der Einsatz von künstlicher Intelligenz, Datenanalyse und autonomen Drohnensystemen. Besonders Palantir und die ukrainische Plattform Brave1 Dataroom stehen dabei im Mittelpunkt, auch der deutsch-ukrainischen militärischen Rüstungszusammenarbeit. In Teilen der unkritischen, technik-hörigen westlichen Berichterstattung entsteht der Eindruck, moderne Software könne den Charakter des Krieges grundlegend verändern und der Ukraine einen entscheidenden militärischen Vorteil verschaffen.

Eine nüchterne Betrachtung der verfügbaren Informationen zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Palantir und Dataroom können bestehende ukrainische Systeme schneller, präziser und effizienter machen. Sie sind jedoch weder ein "Terminator-System" noch ein Ersatz für Waffen, Soldaten oder industrielle Produktionskapazitäten. Ihre Bedeutung liegt vor allem darin, den bereits vorhandenen militärischen Fähigkeiten einen zusätzlichen digitalen Multiplikator hinzuzufügen.

Bei all dem Hype über KI wird oft die wichtigste Komponente entweder mit Absicht oder aus Unwissenheit übersehen, ohne die Palantir und Dataroom den Großteil ihrer militärischen Multiplikatorfunktion verlieren würden. Denn ohne die Aufklärungsergebnisse der US-Satelliten und andererer hochtechnologischer militärischer Abhör-Aufklärungssysteme, die von US-Nachrichtendiensten in Echtzeit in Palantir und Dataroom eingefüttert werden, gäbe es wahrscheinlich die aktuelle Faszination ob der angeblichen neuen Wunderwaffe nicht. All diese Systeme sind sündhaft teuer, und weder die Ukraine noch Iran haben das Geld oder die technologischen Kapazitäten, ein solches Umfeld zu schaffen, das aufzubauen die USA und die Sowjetunion/Russland Jahrzehnte gebraucht haben.

Aber zurück zu "Brave1 Dataroom" das als sichere Plattform gilt, die auf Palantir-Software aufbaut.

Mehr als einhundert ukrainische Unternehmen nutzen nach den vorliegenden Angaben reale Gefechtsdaten, insbesondere Bild- und Wärmebildaufnahmen von Luftzielen wie Shahed- beziehungsweise Geran-Drohnen. Damit sollen KI-Modelle unter realen Wetter-, Licht- und Sensorbedingungen trainiert werden. Letztlich sollen damit Ziele schneller erkannt, klassifiziert und teilweise autonom verfolgt werden können. Gleichzeitig werden Palantir-Systeme für Datenfusion, Lagebilder und die Planung von Operationen eingesetzt.

Das kann auf dem Gefechtsfeld durchaus relevant sein. Gerade bei russischen Drohnenangriffen mit großen Stückzahlen zählt jede Sekunde. Wenn eine Software die Daten von Drohnen, Satelliten, Radar und anderen Aufklärungsmitteln zusammenführt, können Ziele schneller priorisiert und vorhandene Abwehrmittel gezielter eingesetzt werden. Das Problem wird dadurch aber nicht beseitigt. Russland kann die Zahl der eingesetzten Drohnen erhöhen, ihre Flugprofile verändern, Täuschkörper einsetzen oder elektronische Gegenmaßnahmen verstärken.

Genau hier liegt eine zentrale Grenze des digitalen Ansatzes. Der Krieg entwickelt sich zu einem Wettlauf der Anpassung. Die Ukraine mit Hilfe westlicher Nachrichtendienste und Aufklärungsergebnisse verbessert Erkennung, Datenfusion und autonome Abfangsysteme; Russland reagiert mit elektronischer Kampfführung, Täuschung, größeren Stückzahlen und eigener Onboard-KI. Nach den vorliegenden Quellen werden russische Drohnen teilweise mit Systemen für maschinelles Sehen und autonomere Navigation ausgestattet. Damit können sie unter bestimmten Bedingungen auch dann weiterarbeiten, wenn die Verbindung zu einem menschlichen Operator (Drohnen-Pilot) gestört wird.

Auch die russische Darstellung von Palantir unterscheidet sich von der westlichen. Russische Medien stellen die Software häufig als Bestandteil eines westlichen Führungs- und Aufklärungsnetzwerks dar und betonen ihre mögliche Rolle bei Zielauswahl und Schlägen in die Tiefe des russischen Raums.

Praktisch beschreiben auch Quellen aus militär-technischen Publikationen im Kern dieselben Funktionen: Daten zusammenführen, Ziele schneller erkennen und militärische Entscheidungen beschleunigen.

Entscheidend ist deshalb die Unterscheidung zwischen einem Force Multiplier (zu Deutsch: Wirkungsverstärker) und einer kriegsentscheidenden Fähigkeit. Software kann die Effektivität vorhandener Waffen erhöhen. Sie kann Drohnen intelligenter machen, Aufklärung beschleunigen und die Reaktionszeit verkürzen. Sie produziert jedoch keine zusätzliche Artillerie, keine Luftabwehrsysteme, keine Munition und vor allem keine Soldaten.

Gerade beim Kampf um Gelände wird diese Grenze deutlich. KI kann Ziele identifizieren, Drohnen steuern oder Nachschub und Aufklärung unterstützen. Sie kann aber keine Stadt dauerhaft besetzen, einen Schützengraben räumen oder ein Gebäude kontrollieren. Dafür werden weiterhin Menschen benötigt. Auch Russland setzt trotz zunehmender Automatisierung auf Infanterie, Artillerie und Gleitbomben. Die vorhandenen Quellen kommen daher übereinstimmend zu dem Schluss, dass KI und Drohnen bestimmte Aufgaben übernehmen und Verluste reduzieren können, die menschliche Präsenz am Boden aber nicht ersetzen.

Damit relativiert sich auch die Vorstellung, Palantir oder Dataroom könnten den Ausgang des Krieges grundsätzlich verändern. Ihre Wirkung ist real, aber sie findet innerhalb eines größeren militärischen Systems statt. Entscheidend bleiben Truppenstärke, Mobilisierung, Munitionsproduktion, Luftverteidigung, Artillerie, Logistik, elektronische Kampfführung und die Fähigkeit, erobertes Gelände tatsächlich zu halten.

Die stärkere Digitalisierung kann deshalb den Krieg verändern, ohne ihn zu entscheiden. Sie kann die Effizienz erhöhen und insbesondere der Ukraine helfen, begrenzte personelle Ressourcen durch technologische Hilfe aus dem Westen teilweise zu kompensieren. Gleichzeitig ermöglicht dieselbe technologische Entwicklung es Russland, seine eigenen Systeme anzupassen und den Druck auf die ukrainische Abwehr aufrechtzuerhalten.

Der westliche Hype um Palantir und Dataroom sollte daher mit Vorsicht betrachtet werden. Es handelt sich um wichtige technologische Werkzeuge, nicht um eine Wunderwaffe. Sie können Entscheidungen beschleunigen und die Überlebensfähigkeit einzelner Systeme erhöhen, aber sie lösen die grundlegenden militärischen und politischen Probleme der Ukraine nicht.

Die wahrscheinlich realistischste Schlussfolgerung lautet deshalb: Palantir und Brave1 Dataroom können den Charakter einzelner Gefechte beeinflussen, aber sie verändern nicht automatisch das Kräfteverhältnis des gesamten Krieges. Technologie kann die Anpassung beschleunigen – sie kann jedoch die materiellen, personellen und politischen Grundlagen eines Krieges nicht außer Kraft setzen. Wenn sie nicht mit einer Lösung der grundlegenden strategischen Probleme einhergeht, besteht sogar die Möglichkeit, dass sie weniger einen entscheidenden Ausgang herbeiführt als vielmehr die Fähigkeit beider Seiten verlängert, den bestehenden Abnutzungskrieg fortzusetzen.

Das macht Palantir und Dataroom militärisch keineswegs bedeutungslos. Es bedeutet lediglich, ihre Rolle realistisch einzuordnen: Sie sind Beschleuniger und Verstärker einiger Waffensysteme, vor allem in Bezug auf den Luftkrieg – aber sie sind keine Technologie, die die unausweichliche Niederlage der Ukraine abwenden könnte.

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