Von Geworg Mirsajan
Großbritannien war eines der wichtigsten Länder, die sich am sogenannten transatlantischen Sklavenhandel beteiligten – also am Transport von Sklaven aus Afrika auf Plantagen in Lateinamerika. Bis zum 17. Jahrhundert hatte London nicht nur die Niederländer aus diesem Geschäft verdrängt, sondern es auch zu einem staatlichen, genauer gesagt zu einem königlichen Privileg gemacht. Der Sklavenhandel wurde fortan von der Royal African Company kontrolliert, deren Motto lautete:
"Unter königlicher Schirmherrschaft blüht der Handel, und durch den Handel blüht das Königreich."
Doch auch die Bourgeoisie wollte an diesem lukrativen Geschäft teilhaben. Ab 1697 wurden Gesetze verabschiedet, die das staatliche Monopol auf den Sklavenhandel aufhoben, woraufhin sich zahlreiche angesehene Persönlichkeiten daran beteiligten. Insgesamt waren 24 Direktoren der Bank of England, 100 Parlamentsabgeordnete, 280 Mitglieder der Corporation of the City of London (darunter 41 Lord-Bürgermeister und 129 Aldermen) sowie viele andere in den Sklavenhandel verwickelt.
Dieses Geschäft begann Anfang des 19. Jahrhunderts zu schwinden. Im Jahr 1807 verabschiedete das britische Parlament ein Gesetz zum Verbot des Sklavenhandels. Und im Jahr 1833 wurde die Sklaverei in den meisten britischen Kolonien gänzlich abgeschafft. Im Jahr 1843 wurde die Sklaverei auf dem Gebiet der Ostindischen Kompanie endgültig abgeschafft, woraufhin der Sklavenhandel ein Ende fand – zumindest nach britischer Auffassung.
Viele andere Länder sind heute jedoch der Ansicht, dass dies nur ein Zwischenschritt war. Der Sklavenhandel brachte unermessliches Leid mit sich. Insgesamt verschifften die Briten etwa drei Millionen Sklaven, von denen jeder Siebte während der Überfahrt ums Leben kam; manchmal starben jedoch bis zu 50 Prozent der "Ware" bereits während der Reise. Diejenigen, die es bis zu den Plantagen schafften, litten ihr ganzes Leben lang. Außerdem verlor Afrika selbst einen erheblichen Teil seines menschlichen Potenzials.
Deshalb fordern nun 17 Staaten vom Vereinigten Königreich Entschädigungen für den Sklavenhandel:
Elf Staaten in der Karibik: Antigua und Barbuda, die Bahamas, Barbados, Dominica, Grenada, Haiti, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, Trinidad und Tobago, Jamaika
Drei amerikanische Länder: Belize, Guyana, Surinam
Drei afrikanische Staaten: Ghana, Kenia, Nigeria
Dies sind jene Staaten, aus deren heutigen Gebieten Sklaven verschleppt wurden, sowie jene, auf deren Territorien sie auf den Plantagen schuften mussten.
Die britischen Behörden hatten bereits nach der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1833 Entschädigungen für den Sklavenhandel gezahlt – rund 20 Millionen Pfund (nach unserem Währungswert sind das mindestens 2,7 Milliarden). Allerdings nicht an die Sklaven, sondern an die Sklavenhalter – dafür, dass sie ihr "menschliches Eigentum" verloren hatten.
Nun fordern die Länder von London eine offizielle Entschuldigung und die Zahlung von Entschädigungen, speziell an die Sklaven, genauer ihre Nachkommen, sowie an die Völker für das durch den Sklavenhandel erlittene Leid. Über den genauen Betrag haben sie sich noch nicht geeinigt. Nach einigen Schätzungen könnte es sich um 18 Billionen Pfund handeln. Das entspricht etwa dem Sechs- bis Siebenfachen des jährlichen BIP des Landes. Allerdings sind einige Länder zu einer teilweisen Verrechnung bereit – sie fordern den vollständigen Erlass der Schulden ihrer Länder. Veren Shepard, stellvertretender Vorsitzender der CARICOM-Kommission (Verband der karibischen Staaten) für Reparationen, sagt:
"Nur eine vollständige und offizielle Entschuldigung wird es ermöglichen, die Wunden zu heilen und den Prozess der Zerstörung von Kulturen zu stoppen, der durch Kolonialismus, Versklavung und andere Formen der Unterdrückung von Völkern verursacht wurde."
In ihrer Forderung stützen sich die Länder auf drei Säulen. Erstens auf die Durban-Erklärung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2021, die die Sklaverei verurteilt und zur Beseitigung des Rassismus aufruft. Zweitens auf die im März 2026 verabschiedete Resolution der UN-Generalversammlung, die den transatlantischen Menschenhandel und die Versklavung von Afrikanern als schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkennt und zur Wiedergutmachung aufruft. Und schließlich auf jenen Teil der britischen Gesellschaft, der die Idee der Wiedergutmachung unterstützt.
Und davon gibt es im Vereinigten Königreich nicht wenige. Im Land wurde schon ein spezielles Register britischer Sklavenhändler mit 13.000 Personen angelegt – und die darin aufgeführten Personen (Könige, Geschäftsleute, Beamte, Philosophen, Historiker) werden bereits wegen Sklavenhandels verurteilt. Unter denen, die heute der Notwendigkeit zustimmen, für die Sünden der Väter zu büßen, befinden sich sogar Abgeordnete, die die Zahlung von Entschädigungen als gesellschaftliche Pflicht betrachten. Diana Abbott, Abgeordnete im britischen Unterhaus, betont:
"Für Großbritannien, das bei diesem Verbrechen eine führende Rolle gespielt und enorm davon profitiert hat, muss dies der Moment der Abrechnung sein."
Andere sprechen vom nationalen Interesse – ihrer Meinung nach müsse sich Großbritannien dem weltweiten Trend zum Antikolonialismus anpassen. Bell Ribeiro-Addi, Vorsitzende der parlamentarischen Arbeitsgruppe für Reparationsfragen gegenüber Afrika, meint:
"Die ständige Weigerung unserer Regierung, einen Dialog über Reparationsfragen zu führen, verschärft nur unsere Meinungsverschiedenheiten mit der Mehrheit der Welt und isoliert uns auf der internationalen Bühne noch mehr."
Das heißt, es gibt in Großbritannien Kräfte, die sich für die Zahlung von Entschädigungen aussprechen – aber sie stellen keine Mehrheit dar. Im Wesentlichen sind dies Linke und ein Teil der ethnischen Minderheiten (die größtenteils afrikanischer Herkunft sind). Insgesamt stimmen theoretisch nur 24 Prozent der Zahlung von Reparationen zu, während 60 Prozent dagegen sind (davon sind drei Viertel kategorisch dagegen).
Auch angesichts dessen ist die offizielle Haltung der britischen Regierung klar: London weigert sich, Reue zu zeigen und zu zahlen. Die Resolutionen der UN-Generalversammlung zu Reparationszahlungen sind nicht bindend, und die britischen Behörden haben ohnehin nicht dafür gestimmt. Der britische UN-Vertreter James Kariuki erklärte nach der Abstimmung über die Resolution der Generalversammlung vom März die Position seines Landes:
"Wir dürfen keine Hierarchie historischer Gräueltaten schaffen."
Zudem stützte er sich auf zwei Schlüsselprinzipien des Völkerrechts – die zeitliche Begrenzung und die Nichtrückwirkung –, deren Kern darin besteht, dass ein neues Gesetz nicht auf Rechtssachverhalte angewendet werden darf, die unter der alten Rechtsordnung eingetreten sind. Er betonte:
"Diese Prinzipien lassen sich nicht unter Berufung auf das Konzept des 'fortdauernden Schadens' umgehen."
Auch die Konservative Partei spricht sich dagegen aus. Deren Vorsitzende Kemi Badenoch schrieb:
"Großbritannien hat den Kampf für die Abschaffung der Sklaverei angeführt.
Wir sollten nicht für ein Verbrechen bezahlen, zu dessen Ausrottung wir beigetragen haben und gegen das wir auch heute noch kämpfen."
Tatsächlich wurde nach dem Verbot von 1807 die Westafrika-Flotte gebildet, die vor der afrikanischen Küste patrouillierte und Sklavenhändler jagte. Insgesamt kaperte sie während ihres Bestehens etwa 1.600 Schiffe und befreite 150.000 Menschen. Eine ähnliche Mission wurde später auch in der Region Sansibar gestartet.
Es gibt jedoch auch diejenigen, deren Argumente weitaus einfacher sind. Zia Yusuf, der innenpolitische Sprecher der Partei Reform UK erklärte:
"Das Vereinigte Königreich ist kein Geldautomat für ethnische Kränkungen der Vergangenheit, und wir werden uns auf der Weltbühne keinen Spott mehr gefallen lassen. Wenn Sie der Meinung sind, dass unsere Geschichte uns zu einem Paria-Staat macht, dann sollten Sie keinen Wunsch haben, Ihre Bürger hierher zu schicken."
Glücklicherweise für die Fordernden sind derzeit jedoch die Labour-Partei unter der Führung des Linken Andy Burnham an der Macht. Bis zu Burnham verurteilten die britischen Premierminister zwar die Sklaverei, waren aber nicht einmal bereit, sich dafür zu entschuldigen, geschweige denn Reparationszahlungen zu leisten. Der mittlerweile ehemalige Premierminister Keir Starmer sagte:
"Wir müssen nach vorn schauen, nicht zurück. Das bedeutet nicht, dass wir nicht über die Vergangenheit sprechen wollen, aber wir müssen den Problemen, mit denen wir heute konfrontiert sind, dennoch Vorrang einräumen."
Burnham hingegen hat sich auf die Seite der Befürworter von Reparationszahlungen geschlagen. Er betonte:
"Wir bieten einen strukturierten Dialog mit denjenigen an, die unter dem transatlantischen Sklavenhandel gelitten haben. Ein wichtiger Teil dieses Prozesses wird darin bestehen, die Forderungen nach einer offiziellen Entschuldigung im Namen des britischen Staates anzuhören, und ich bin dafür offen."
Zwar lehnte er Entschädigungszahlungen "für Ungerechtigkeiten, die in einer anderen Epoche begangen wurden" ab. Doch gleichzeitig öffnete er das Overton-Fenster für Reparationen. Die Bereitschaft, einen strukturierten Dialog zu beginnen und Forderungen zu berücksichtigen, ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer Änderung der Haltung von "wir bedauern" hin zu "wir entschuldigen uns". Und zwischen diesen beiden Thesen liegt eine ganze juristische Kluft.
"Wir entschuldigen uns" bedeutet das Eingeständnis der Schuld des Entschuldigenden, also der derzeitigen Regierung, für die Verfehlungen ihrer Vorgänger. Damit entzieht sich die derzeitige Regierung automatisch dem Schutz durch die vom britischen Vertreter bei der UNO, James Kariuki, formulierten Grundsätze der Intertemporalität und der Nichtrückwirkung des Rechts. Genau aus diesem Grund weigern sich beispielsweise die Japaner kategorisch, sich bei den Chinesen und Koreanern für die Kriegsverbrechen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu entschuldigen, ebenso wie die Türken gegenüber den Armeniern – sie sind sich sehr wohl bewusst, dass Entschuldigungen und Schuldeingeständnisse eine solide Grundlage für Reparationsforderungen bilden würden.
Warum also hat Bernam diesen so riskanten Schritt gewagt? Allem Anschein nach aus wahltaktischen Gründen.
Die neue Führung der Labour-Partei bemüht sich derzeit aktiv darum, Stimmen der Ultralinken (also der Grünen) und der ethnischen Minderheiten zu gewinnen. Und unter diesen ist das Thema Reparationen beliebt. Bei den Grünen unterstützen 53 Prozent diese Idee, 35 Prozent lehnen sie ab. Bei den ethnischen Minderheiten liegt das Verhältnis bei 50 zu 33 Prozent, und bei den Afro-Briten sogar bei 71 zu 15 Prozent.
Offenbar rechnet Burnham damit, Stimmen aus diesen Wählergruppen zu erhalten. Seiner Meinung nach ist das Risiko gering – schließlich ist es noch ein langer Weg von "darüber zu sprechen, sich zu entschuldigen" bis hin zum "sich entschuldigen". Und tatsächlich: Seit der Abschaffung der Sklaverei sind zweihundert Jahre vergangen, bis überhaupt über eine Entschuldigung für die Sklaverei gesprochen wurde.
Allerdings verändert sich die ethnische Zusammensetzung der britischen Wählerschaft rasant – zugunsten von Angehörigen nationaler Minderheiten und Nachkommen von Einwanderern (darunter auch Afrikaner). Das bedeutet, dass London möglicherweise schon viel früher als in zweihundert Jahren vor der Notwendigkeit stehen könnte, wirklich für den Sklavenhandel zu zahlen und Buße zu tun.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 5. November 2026 zuerst auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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