Kasperski: "In jedem eisernen Internetvorhang gibt es Löcher"

Bemühungen einiger Länder, eine vollständig unabhängige Internetstruktur aufzubauen, seien zum Scheitern verurteilt, ist Jewgeni Kasperski, einer der weltweit führenden Experten für Cybersicherheit, überzeugt. Dies sei logistisch und technisch nahezu unmöglich.

Der Aufbau einer vollautonomen und kontrollierbaren Internetstruktur ist unrealistisch, davon ist Jewgeni Kasperski überzeugt. Selbst wenn dafür enorme Ressourcen aufgewendet würden – sowohl finanzielle und technische als auch personelle. Seinen Worten zufolge ist dies nicht einmal der DVRK vollständig gelungen. In der Praxis gebe es in einem "eisernen Internetvorhang" immer Lücken, meint er. "Selbst in der DVRK, die als am stärksten isolierter Staat gilt, gibt es dennoch Verbindungen zum Internet außerhalb des Landes. Zumindest für einen Teil der Bevölkerung, zum Beispiel für Staatsbedienstete." Kasperski, der Entwickler eines der leistungsstärksten und bekanntesten Antivirenprogramme der Welt, erklärt:

"Aus logistischer Sicht ist das unmöglich. Natürlich könnte man, wenn man sich unbedingt komplett von der Außenwelt abschotten wollte, auf Briefpost oder Faxe umsteigen. Aber in der Praxis gibt es in einem eisernen Internet-Eisenvorhang immer Lücken. Rein technisch gesehen ist es zwar möglich, eine vollständig souveräne IT-Infrastruktur und ein eigenes Internet aufzubauen, aber das ist sehr schwierig. Man braucht Komponenten, Geräte, Rechenzentren, Kabel, Glasfaser, Software und so weiter."

In einem Gespräch mit der Zeitschrift Expert ging Kasperski auf das Thema des sogenannten "souveränen Internets" ein, das derzeit in den politischen Kreisen Russlands so populär ist. Er ist der Ansicht, dass Russland theoretisch einer solchen Souveränität ein Stück näher kommen könnte, da es im Land an den "Köpfen und Kompetenzen" dafür nicht mangelt. Es fehle jedoch der Markt. "IT-Projekte werden bei uns ohne Export nicht überleben oder bestenfalls ein klägliches Dasein fristen", bemerkt Kasperski, "während es beispielsweise in Indien zwar einen Markt gibt, aber nicht genügend Kompetenzen. Wir sind der Souveränität näher als Indien, weil wir ein Produkt entwickeln und versuchen können, damit andere Märkte zu erschließen."

Generell steht Kasperski dem sich abzeichnenden globalen Trend skeptisch gegenüber, dass sich große Länder im Sinne des Internets voneinander abschotten, die Lokalisierung zahlreicher Technologien sicherstellen und eine Art globale Internet-Fragmentierung vorantreiben. Er ist der Ansicht, dass dies nicht nur zu Isolation, sondern auch zu einer allgemeinen Verlangsamung der technologischen Entwicklung führen wird. Kasperski betont:

"Die Folgen der Isolation sind klar. Anstatt gemeinsam an einem großen Projekt zu arbeiten, wird jeder mehr oder weniger das Gleiche tun und in dasselbe investieren. Bei manchen wird es klappen, bei anderen nicht. Diejenigen, bei denen es klappt, müssen dann für ihre souveränen Technologien Absatzmärkte finden. Andernfalls werden die Investitionen zu Verlusten. Bei denen, die keine finden, werden sich die Verluste häufen. Die Folge einer langen Anhäufung von Verlusten ist im Großen und Ganzen offensichtlich."

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