Jürgen-Joachim von Sandrart, Generalleutnant außer Dienst, ist ein begehrter Gesprächspartner in den deutschen Medien. Das zeigt eine Vielzahl von Interviews, seitdem der frühere Heeresoffizier und Panzerfahrer in den Ruhestand getreten ist. Das mediale Interesse ist einerseits mit seinen pointierten Äußerungen – von Sandrart nimmt kein Blatt vor dem Mund – zu erklären, andererseits damit, dass der Militär bis zum Jahr 2024 Kommandeur des im polnischen Stettin stationierten Multinationalen Korps Nord-Ost gewesen ist. Mit Russland als potenziellem Gegner dürfte er sich also auskennen.
Vor einigen Tagen gab von Sandrart der Welt ein Interview. Darin zeichnet er zum einen ein düsteres Bild von der Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik und kündigt zum anderen an, dass Russland kurz davor stehe, "jenseits der Ukraine weiterzumachen".
Bezüglich der Schulstreiks gegen die Wehrpflicht bedauerte der altgediente General, dass die Jugend in Deutschland nicht mehr bereit sei, für das Land zu kämpfen. Andere Staatsbürger, wie die Skandinavier, die Polen und die Balten, seien da weiter, was die gesellschaftliche Resilienz betreffe.
Diese sei nur mittels eines staatlichen Pflichtjahres zu erzielen, das eine "Reserve für die Landwirtschaft, die produzierende Industrie, das Gesundheits- und Grundversorgungswesen" bereit halte. Das neue Wehrdienstgesetz reiche nicht aus. Eine große Gefahr sieht der Ex-General in gesellschaftlicher Fragmentierung und politischer Handlungsunfähigkeit: "Geht das so weiter, muss vielleicht kein Feind mehr über die Grenze kommen."
Man könne sich nicht darauf herausreden, dass Deutschland weiter entfernt von Russland liege. Nähe bedeute heute etwas anderes als im Kalten Krieg: "Ob 600 oder 1500 Kilometer – das ist militärisch kein relevanter Abstand mehr." Die Stationierung der Brigade in Litauen sei deshalb richtig. Aber man müsse auch entsprechend planen, "damit wir dort auch siegreich verteidigen können".
Die Bundeswehr müsse den Ostseeraum als zusammenhängenden Operationsraum begreifen. Deutschland sei als Führungsnation besonders gefragt. Auch ohne einen Sieg in der Ukraine stehe Russland kurz vor einer weiteren Aggression, insbesondere im Ostseeraum, sofern sich eine Gelegenheit biete. Es bereite gerade "das potenzielle Schlachtfeld unterhalb der Schwelle des offenen Krieges" vor. Das habe er in Stettin sehr genau beobachten können.
Bis 2029 besteht für den Ex-Militär die größte Eskalationsgefahr, weil dieser Zeitraum "Russlands offensichtlichstes Fenster der Gelegenheit für eine Aggression" sei. Von Sandrarts Befürchtung ist ein "linearer Abnutzungskrieg" wie in der Ukraine – dann sei eine siegreiche Verteidigung unmöglich. Von Sandrart plädiert für eine Abkehr von der ausschließlich reaktiven Form der Verteidigung. Es gelte vielmehr die Devise: "Target the archer", also nicht nur den Pfeil abwehren, sondern "den Bogenschützen in den Blick nehmen".
Damit empfiehlt er Schläge weit im russischen Hinterland. Die Bundeswehr müsse im Kriegsfall "den Krieg auf den Gegner legen". Nur so gelinge der Kampf mit einem Gegner, "für den es keine Regeln gibt" – wie von Sandrart der russischen Armee unterstellt. Der Ex-Bundeswehrgeneral bezichtigt die Russen einer entgrenzten, ja sogar völlig entmenschlichten Kriegsführung.
Auch wenn von Sandrart betont, dass man selbst nicht so agieren dürfe, weckt diese Stigmatisierung des künftigen Kriegsgegners als grausame Barbaren düstere Erinnerungen an Hitlers Rede vom 30. März 1941, in der er den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion propagierte und erklärte, dass die Rotarmisten kein Objekt "soldatischen Kameradentums" seien. Eine Haltung, die zur millionenfachen Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilisten führte.
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