Stillstand bei Offshore-Windkraftprojekten in Deutschland: 23.000 Jobs vor dem Aus

Der stockende Ausbau der Offshore-Windkraft bringt die deutsche Zulieferindustrie in Bedrängnis. Laut einer neuen Analyse könnten in den kommenden vier Jahren 23.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Manager warnen vor einem ähnlichen Niedergang wie in der Solarindustrie.

Seit zwei Jahren ist in Deutschland kein neuer Offshore-Windpark mehr auf den Weg gebracht worden. Verschobene Ausschreibungen, verzögerte Netzanschlüsse und unsichere Projekte setzen die Zulieferindustrie unter Druck. Viele Unternehmen verzeichnen leere Auftragsbücher.

Wie groß die Folgen sein könnten, zeigt eine neue Analyse des Marktforschungsunternehmens wind:research im Auftrag des Bundesverbands der Windenergie Offshore (BWO): Wenn der Ausbau weiter stockt, könnten in den kommenden vier Jahren 23.000 der derzeit 49.000 Arbeitsplätze in der deutschen Offshore-Windindustrie verloren gehen. Zugleich droht ein Umsatzausfall von 24 Milliarden Euro. Ein erheblicher Teil der Wertschöpfung könnte ins Ausland abwandern.

Siemens-Energy-Manager Vinod Philip warnt vor einem Absturz der Offshore-Windindustrie wie einst in der Solarbranche. Ohne rasche Gegenmaßnahmen drohten auch bei Siemens Energy umfangreiche Stellenstreichungen. Steigende Kosten, hohe Zinsen und politische Unsicherheit setzen Projekte mit mindestens 16 Gigawatt Leistung aufs Spiel und gefährden Milliardenaufträge für Hersteller wie Siemens Energy und Vestas.

Offshore-Wind soll eine tragende Säule der deutschen Stromversorgung werden. Bis 2030 soll die installierte Leistung auf 30 Gigawatt steigen, bis 2045 auf mehr als das Doppelte. Derzeit sind jedoch erst 10,8 Gigawatt installiert.

Branchenexperten hatten früh Zweifel, ob sich die Windparks bei den hohen Gebotssummen wirtschaftlich betreiben lassen. TotalEnergies prüft inzwischen den Rückzug aus einem Projekt, bei BP steht eine Entscheidung noch aus. Windexperte Dirk Briese warnt gegenüber dem Handelsblatt vor einem erneuten Einbruch der Offshore-Industrie, falls ein bis zwei Jahre lang keine neuen Projekte gebaut werden. Die Ausbauziele könnten dann um mehr als 50 Prozent verfehlt werden.

Deutschlandweit sind fast 900 Unternehmen in der Offshore-Windbranche tätig. Dazu gehören neben Turbinenbauern und Fundamentherstellern auch Netzbetreiber wie 50Hertz, Wartungsspezialisten wie die Deutsche Windtechnik, Antriebstechnikhersteller wie Flender sowie Logistikunternehmen wie BLG und Rhenus. "Das wird sehr spürbare Folgen für alle Unternehmen in der Lieferkette haben", warnt Siemens-Energy-Vorstand Philip.

Besonders betroffen wären die deutschen Küstenregionen. In Rostock, Bremerhaven, Cuxhaven und Nordenham sind in den vergangenen Jahren ganze Offshore-Standorte entstanden. Bleiben neue Projekte aus, geraten nicht nur einzelne Zulieferer unter Druck, sondern ein eng verflochtenes Netzwerk aus Industrie, Handwerk, Häfen und Dienstleistern.

Manager warnen vor einem ähnlichen Niedergang wie in der Solarindustrie: Obwohl die Nachfrage nach sauberem Strom anhält, wandert die Wertschöpfung ins Ausland ab. Vor 15 Jahren war Deutschland noch weltweit führend bei Solartechnik, heute kommen Solarmodule für den deutschen Markt fast ausschließlich aus China.

Mehr zum Thema – 365 Meter – Höchstes Windrad der Welt hat in Brandenburg endgültige Höhe erreicht