Tuttlingen: Erschossener Afghane hatte Spielzeugwaffe bei sich

Diesmal war es nur vorgetäuschte Gewalt; die Waffe war nicht echt, und der vermeintliche Gewalttäter machte sich selbst zum Opfer. Der Hintergrund aber war wie so oft: Zehn Jahre nach der Einwanderung war der Mann mit seinen Kräften am Ende.

In den USA würde man es vermutlich "Suicide by Cop" nennen – inzwischen stellte sich heraus, dass der am Donnerstag in Tuttlingen vor dem Rathaus von der Polizei erschossene Afghane nur eine Spielzeugwaffe dabei hatte, die allerdings einer echten Pistole täuschend ähnlich sah.

Es ist noch nicht klar, ob ein Polizist geschossen hat oder mehrere. Die Obduktion ergab drei Schüsse in den Oberkörper und einen Streifschuss am Arm.

Die Geschichte des 27‑Jährigen, soweit sie bisher bekannt wurde, folgt einem inzwischen vertrauten Muster. Asylantrag 2018 abgelehnt, Drogengebrauch, die Abschiebung wurde vorbereitet. Es gibt allerdings auch kleine Unterschiede zum bekannten Ablauf, nicht nur darin, dass die Waffe des Afghanen nur wie eine aussehen sollte.

Nach einem Bericht der Schwäbischen war der Mann vor etwa zehn Jahren, also noch als Jugendlicher, nach Deutschland gekommen. Zwei Freunde von ihm berichten, er habe in einer Wohngruppe der Jugendhilfe gelebt, den Hauptschulabschluss absolviert und eine Ausbildung zum Schreiner angefangen, die er aber nach einem Jahr abgebrochen habe. Das könnte mit der Ablehnung des Asylantrags zusammengefallen sein.

Vor vier, fünf Jahren, werden die Freunde zitiert, habe er psychische Probleme entwickelt und angefangen, Drogen zu nehmen. Er soll mehrmals verurteilt worden sein; zuletzt habe er in einer Notunterkunft gelebt und den Wunsch geäußert, nach Afghanistan zurückzukehren. Diesen Wunsch habe er auch Ende September in einer Mail an das Landratsamt geäußert und um Unterstützung bei der Beschaffung eines afghanischen Reisepasses gebeten.

Am 1. Oktober hätte er nach Aussage seiner Freunde einen Termin bei der Ausländerbehörde gehabt, die sich im Tuttlinger Rathaus befindet, vor der er am Ende erschossen wurde; zu diesem Termin sei er aber nicht erschienen. Das Amt hingegen dementiert, dass es diesen Termin gegeben habe.

Vergangenen Donnerstagmittag jedenfalls tauchte er mit der vermeintlichen Schusswaffe im Rathaus auf; dort wurde dann die Polizei gerufen, vor der er erst flüchtete, die ihn aber einholte. Augenzeugen berichten von fünf Schüssen; womöglich wurde der Knall der Spielzeugpistole für einen echten Schuss gehalten. Trotz Wiederbelebungsmaßnahmen war er noch am Ort des Schusswechsels verstorben.

In diesem Fall stellt sich die Frage, ob sein zuvor geäußerter Wunsch nach Rückkehr überhaupt eine Reaktion auslöste, und falls nicht, warum nicht. Denn dieser tragische Fall hätte sich verhindern lassen.

Mehr zum Thema – Der Mord von Friedland und das Erbe des Boris Pistorius