Von Platon Gontscharow
Entgegen ersten Meldungen war der Ukrainer Igor M., der in einem Kloster nahe der ukrainischen Grenze einen Menschen tötete und vier verletzte, kein Militärangehöriger. Das teilte der ukrainische Botschafter in Polen mit. Er verwies auf behördliche Angaben und auf das Gespräch mit der Mutter des mutmaßlichen Täters. Laut Staatsanwaltschaft der polnischen Stadt Przemyśl befindet sich der 31-Jährige derzeit in einer streng bewachten medizinischen Einrichtung. Bei ihm seien Anzeichen einer psychischen Störung festgestellt worden, so die Behörde.
Laut dem Botschafter befand sich Igor M. auf dem Weg aus Deutschland in die Ukraine. Er sei im Jahre 2022 nach Deutschland ausgewandert. Laut Polizei wollte der Ukrainer in seine Heimat zurückkehren, wurde aber vom Grenzschutz am Grenzübergang Korczowa/Krakowez aufgrund fehlender Autoversicherung zurückgewiesen. Das Auto wurde in die Stadt Jarosław abgeschleppt.
Jarosław befindet sich etwa 25 Kilometer Luftlinie von der polnisch-ukrainischen Grenze. Offenbar befand sich der Ukrainer nach dem gescheiterten Grenzübertritt in einem schwierigen psychischen und emotionalen Zustand. Das lässt sich aus dem Gespräch des Botschafters Wassili Bodnar mit der Mutter schließen. Wie polnische Medien berichten, wies M. Bodnar zufolge "gewisse Anzeichen übermäßiger Emotionalität" auf, die "wahrscheinlich nicht als Krankheit erkennbar" gewesen seien.
Im benediktinischen Kloster der Stadt griff er Priester und Klosterbesucher mit dem Messer an. Insgesamt verletzte er fünf Menschen. Ein Priester erlag später seinen Verletzungen. Bei den Verletzten handelt es sich dem Erzbistum Przemyśl zufolge um zwei weitere Priester sowie zwei Gläubige, die versucht hätten, den Angegriffenen zu helfen. Die Polizei erklärte, ein Tatmotiv sei bisher nicht bekannt. Manche Opfer mussten laut polnischen Medien im Krankenhaus notoperiert werden.
Scharfe Rhetorik und Schadensbegrenzung
Polnische Regierungsvertreter reagierten mit scharfen Worten auf den Mord in Jarosław. Regierungschef Donald Tusk kündigte an, der Täter werde "mit der ganzen Strenge des polnischen Rechts bestraft". In seiner Trauer sei Tusk mit den Angehörigen der Opfer "dieses brutalen Angriffs" vereint, fügte er hinzu. Präsident Karol Nawrocki betonte am Tag der Tat: "Der heutige Angriff hat uns alle erschüttert und erfordert eine entschlossene Reaktion des Staates." Mit dieser Rhetorik müssen die beiden offenbar auf die veränderte Stimmungslage in der polnischen Gesellschaft reagieren.
Der ukrainische Botschafter versuchte den möglichen politischen Schaden für die Ukraine nach Kräften zu begrenzen. Er bedauerte die Tat und entschuldigte sich "bei allen Betroffenen und der Öffentlichkeit" für den tödlichen Vorfall. Er stellte fest, dass dies die allgemeine Einstellung gegenüber Ukrainern in Polen beeinflusse.
Nach Angaben des Botschafters wurden in Polen 2024 insgesamt 267 Fälle von Angriffen oder anderen aggressiven Handlungen gegen Ukrainer registriert. 2025 waren es 275 Fälle. Im ersten Halbjahr 2026 wurden bereits 180 Fälle erfasst. Bodnar sprach von einem Anstieg um rund 30 Prozent. Die Anzahl der Ukrainer, die sich in Polen regulär aufhalten, bezifferte er auf zwei Millionen.
Als Grund für die Unstimmigkeiten werden in der Regel Polens historische Traumata wegen des Banderismus in der Ukraine und wirtschaftliche Probleme genannt. Doch der Botschafter ist der Meinung, dass im polnisch-ukrainischen Streit vor allem "russische Propaganda" eine wichtige Rolle spiele. In einem Interview nach dem Vorfall betonte er, Russland sei Polens einziger Feind.
Ähnlich äußerte sich der polnische Vizeinnenminister Czesław Mroczek. Am Freitag kritisierte er in einem Radiointerview, dass Russland die Bluttat bereits für seine eigenen Zwecke ausnutze, Hass schüre und versuche, Polen dazu zu bringen, die Unterstützung für die Ukraine zu stoppen.
Hochrangige katholische Geistliche Polens riefen zur Besonnenheit auf. Przemyśls Erzbischof Adam Szal sprach von einer "Tragödie, die mit Blutvergießen und unverständlichen Verhaltensweisen von Menschen verbunden ist". Szal sagte zugleich: "Lasst uns auch für den Täter beten, für seine Bekehrung und für seine Besinnung." Polens Primas, Erzbischof Wojciech Polak, bat am Donnerstagabend eindringlich darum, "dass dieser kriminelle Akt eines einzelnen Menschen in unseren Herzen keinen Hass und keine Abneigung gegenüber unseren Schwestern und Brüdern aus der Ukraine hervorruft".
Militärhilfen in beispielloser Höhe
Christliche Nächstenliebe hat in dem Fall klaren politischen Hintergrund, der mit dem Expansionismus der Römisch-Katholischen Kirche zu tun hat. Diese fungiert in der Ukraine als Patronin der sogenannten Griechisch-Katholischen Kirche (Unionskirche), die sich seit 2014 ukraineweit auf dem Vormarsch befindet. Griechisch-katholische Geistliche waren im Zweiten Weltkrieg in großer Anzahl profaschistisch und unterstützten die Kollaboration mit Hitler-Deutschland. Zu Sowjetzeiten galt die Kirche deshalb als nationalismusverseucht und wurde verboten. Jetzt wird die Orthodoxie in der Ukraine durch Katholizismus und andere prowestliche Konfessionen, darunter allerlei Freikirchen, verdrängt.
Auch die geografische Nähe des Tatorts zum Militärflughafen in Rzeszów macht die polnischen und ukrainischen Russophoben nervös. Nur 50 Kilometer weiter westlich wird über dieses wichtige NATO-Drehkreuz in Osteuropa ukrainische Militärlogistik im großen Stil abgewickelt. Wie der Telegram-Kanal Militärchronik jüngst errechnete, landeten in Rzeszów-Jasionka in fast vier Monaten seit 1. Juni 241 Militär-, Militärcharter- und Frachtflüge von 58 Flughäfen auf drei Kontinenten, 25 davon von der deutschen Luftwaffe.
Dabei sind die Deutschen nicht nur in die Verfrachtung des schweren Militärgeräts involviert. Von den 85 medizinischen Rettungsflügen in diesem Zeitraum haben deutsche militärische Sanitätsdienste 30 absolviert, 16 Flüge gingen auf das Konto der Luftwaffe und 14 der deutschen DRF Luftrettung. Deutschland nimmt den größten Teil der aus Rzeszów evakuierten Personen auf. Am häufigsten fliegen die medizinischen Flüge nach Köln (9), Dortmund (8), Berlin, ins österreichische Graz und nach Warschau (jeweils 5).
Wie tief Deutschland sowohl in die Militärausbildung ukrainischer Soldaten als auch in deren medizinische Versorgung involviert ist, zeigen weitere Statistiken. So wurden laut einer Mitteilung der Bundesregierung bis August 27.000 ukrainische Soldaten auf deutschen Militärübungsplätzen ausgebildet. Rund 1.700 schwerverletzte und kranke Ukrainer wurden in Deutschland behandelt (Stand Februar), davon waren die meisten Militärangehörige. Diese Art der Hilfe wird seit Beginn des Donbass-Kriegs geleistet. Medizinisch versorgt wurden in der Zeit von 2014 bis 2022 357 ukrainische Soldaten, die an den Kampfhandlungen gegen die aufständischen Donbass-Republiken Donezk und Lugansk teilnahmen.
Laut Bundesregierung hat Deutschland seit 24. Februar 2022 bilaterale zivile Unterstützung für die Ukraine in Höhe von mehr als 43,3 Milliarden Euro und militärische Unterstützung in Höhe von rund 57,6 Milliarden Euro geleistet beziehungsweise für die kommenden Jahre bereitgestellt. Auf EU-Ebene sind es 220 Milliarden Euro, die von Brüssel und EU-Staaten Kiew zur Verfügung gestellt wurden, 78 Milliarden waren für Militärhilfe vorgesehen.
Das Ende der Willkommenskultur
In Deutschland leben weit über eine Million Ukrainer, die nach 2022 in das Land geflohen sind. Bis zu einem Drittel davon sind Männer, die meisten im wehrfähigen Alter. Derzeit ist die Einreise für Männer aus der Ukraine bereits auf EU-Ebene eingeschränkt. Nach Ansicht vieler deutscher Politiker aus der Union müssen ukrainische Männer nun zur Rückkehr in die Ukraine gedrängt werden. Sie müssten vielmehr zur "Verteidigung ihres Heimatlandes" statt zum Bezug der Sozialleistungen motiviert werden, so der Tenor.
Im Ronzheimer-Podcast hat Deutschlands Außenminister Johann Wadephul offen über die Möglichkeit gesprochen, deutsche Meldedaten wehrfähiger Ukrainer an Kiew weiterzugeben, damit die ukrainische Regierung die Männer direkt kontaktieren könne. Man wisse schließlich genau, so Wadephul sinngemäß, wer in Deutschland gemeldet sei, Sozialleistungen beziehe und über welchen Aufenthaltsstatus verfüge.
Mit den Forderungen zur Rückkehr in den Krieg geraten also die ukrainischen Männer zunehmend von allen Seiten unter Druck. Das kann das Konfliktpotenzial in den Aufnahmeländern erheblich erhöhen.
Mehr zum Thema ‒ Tschechien verweigert Dutzenden Ukrainern im wehrpflichtigen Alter den Schutz